Juni 2026
Mit dem Wind ...
… über das Warum nachgedacht. Warum? Natürlich aus gegebenem Anlass! Das Amselpärchen, das seit Jahren zuverlässig in unserem Hof brütet, ist in diesem März nicht hereingeflattert. Vielleicht lag es am gestutzten Efeu? Oder am kalten Winter? Eventuell stand dem Paar aber auch der Sinn nach einer neuen Bleibe, oder – die schlimmste Möglichkeit – die beiden sind im Laufe des Jahres verstorben. Eine Antwort auf unser nachdrückliches Warum? Die blieb natürlich aus.
Früher, also in meiner Kindheit, waren die Adressaten für meine unzähligen Warum-Fragen, meine Eltern und später die Lehrer. Manchmal konnte auch die Sendung mit der Maus helfen. Oder Willi wills wissen. Ich war extrem neugierig und deshalb auch wohl eine rechte Nervensäge. Irgendwann behalf ich mir dann mit Lexika und Fachliteratur bis das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten begann, meinen Wissensdurst zu stillen.
Warum fließt der Strom schneller als Wasser? Wie viele Kalorien hat ein durchschnittlicher Döner? Warum sind die Bananen krumm? Die Antwort? Nur ein paar Klicks entfernt. Also, wenn man Netz hat. Klar: Man darf auch da nicht alles glauben, was man liest. Aber war das mit den Antworten unserer Eltern wirklich anders? Ich erinnere nur an den Osterhasen und das Christkind …
Oft geht es bei der Warum-Frage aber gar nicht um eine konkrete Antwort. Gerade, bei existenziellen Fragen schwingt da ein unscheinbares aber deutliches „Nur“ mit. Warum nur trifft gerade mich diese Krankheit? Warum nur habe immer ich so ein Pech? Warum nur mag mich niemand? Fragen, auf die weder die KI noch sonst irgendwer eine konkrete, zufriedenstellende Antwort in der Schublade hat.
Also vielleicht doch auf einen Hellseher, ein Orakel oder das Tageshoroskop zurückgreifen? Und dann wären da ja noch die zahlreichen Ratgeber in Buchform oder als Onlineformat. Irgendwo muss es doch Antworten auf die wirklich relevanten Warum-Fragen des Lebens geben! Apropos Leben: Gerade habe ich die KI mal gefragt, warum wir Menschen sterben müssen. Die Antwort lautet: Wir Menschen sterben, weil unser Körper einem natürlichen Alterungsprozess unterliegt. Super! Genau das, was ich hören wollte.
Die Kirche würde diese existenzielle Frage übrigens wie folgt beantworten: Wir müssen sterben, um zum ewigen Leben zu gelangen. Gefällt mir ehrlich gesagt auch nicht besser.
Zwei Antworten und mit keiner bin ich zufrieden. Das liegt wohl daran, dass der von mir gedachte Subtext „Warum müssen wir überhaupt sterben und dürfen nicht einfach ewig – und natürlich glücklich und zufrieden - weiterleben? Welcher Pfuscher hat das denn verbockt? Und warum bitteschön korrigiert niemand diesen Lapsus?!“ unbeantwortet bleibt.
Und genau da wären wir dann beim Kern des Problems angekommen: Viele unserer Warum-Fragen sind nämlich im Grunde gar keine Fragen, sondern Klagen, Mängelanzeigen, Ausrufe der Verzweiflung oder auch Beschwerden, auf die es keine Antwort gibt, die uns zufrieden stellt.
Jetzt können wir uns natürlich in unserer Unzufriedenheit suhlen, anderen die Schuld an allen Miseren unseres Lebens und den Ungerechtigkeiten der Welt geben und uns lauthals über die Unfähigkeit der vermeintlich Zuständigen beklagen. Aber bringt das was? Na klar: Viel Lärm um nichts.
Ich schlage stattdessen vor, nicht bei jedem unklaren Sachverhalt endlos nach Erklärungen zu suchen, die uns am Ende oft gar nicht weiterhelfen. Versuchen Sie, nicht allem und jedem auf den Grund zu gehen, denn Vieles ist und bleibt für unser menschliches Denken unergründlich. Das ist nicht naiv, sondern macht das Leben einfacher, schöner und definitiv leichter. Wir müssen nicht alles verstehen, denn das können und wollen wir gar nicht.
„Glauben heißt nicht wissen“ lautet ein zumeist negativ gemeinter Spruch. Ich möchte dieses Credo aller Zweifler und Besserwisser im christlichen Sinne ein wenig umstellen: Nicht wissen heißt glauben! Vielleicht ein Ansatz, der manch sinnlose Warum-Frage überflüssig macht.
Das Amselpärchen hat sich übrigens mit reichlich Verspätung im Mai eingefunden. Warum erst so spät? Völlig egal. Hauptsache, sie sind wieder da.