Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Dezember 2022

Mit dem Wind ...      


… kam er nicht, der goldene Schwan. Eine Familie hat im letzten Sommer das riesige, luftgefüllte Tier mitgebracht. Mehr als einen Meter hoch ragte der Hals über den schwimmringartigen Körper des Schwans, den kleine, goldene Flossen im Wasser stabilisierten und ihn so vor dem Kentern bewahrten.

Beim Wettbewerb um das größte aufblasbare Gummitier der Insel hätte „Goldi“, so sein Spitzname, sicher den ersten Preis errungen. Auch in der Kategorie hässlichste Schwimmhilfe wäre ihm wahrscheinlich ein Platz auf dem Podium sicher gewesen. Aber beide Disziplinen waren den Besitzern völlig egal. Der Familie ging es gar nicht darum, besonders aufzufallen. Im Gegenteil. „Goldi“ erfüllte durch seine Größe nur einen Zweck: Er stellte für die 12jährige, schwerbehinderte Tochter der Familie die einzige Möglichkeit dar, das Wasser der Ostsee zu erobern und so gemeinsam mit ihrer Familie und den anderen Badegästen Strandurlaub und Badespaß zu genießen. Vom Rollstuhl trug Papa das Mädchen bis zum Schwan, der bereits im seichten Wasser wartete, seine Gummiflügel ausbreitete und – vielleicht war er sich seiner Bedeutung bewusst – stolz den Kopf in Richtung Sonne reckte. Und dann? Dann begann der Badespaß! Was auch sonst?

Die Tage vergingen und das Urlaubsende nahte. Am Abreisemorgen wurde ich zur Rezeption gerufen. Dort wartete die Familie, und dort hatte sich auch der goldene Schwan niedergelassen. „Dürfen wir den hierlassen?“, fragte mich die Mutter. „Er hat unserer Tochter viel Freude bereitet, aber zu Hause haben wir kein Meer und auch keinen See in der Nähe. Vielleicht freuen sich andere Familien über ihn.“ Ich schaute „Goldi“ tief in seine großen, freundlichen Augen und entdeckte dann erst den Aufkleber an seinem Hinterkopf. Mit einem wasserfesten Stift hatte die Familie auf die Klebefolie folgenden Satz geschrieben: ICH BIN FÜR ALLE!

Diesen anspruchsvollen Auftrag nahm unser goldener Schwan sehr ernst. Den ganzen Sommer über war er im Einsatz. Oft nahmen in Familien mit an den Strand. Einmal begleitete er sogar die jungen Erwachsenen der Exerzitiengruppe von „Surf an Soul“ bis nach Koserow und surfte am dortigen Strand durch die Wellen. Auch die Soldaten des Seelsorgekurses nahmen ihn mit an die Ostsee und leerten in der untergehenden Sonne das ein oder andere Bier auf sein Wohl. Ja und manchmal übernachtete der goldene Schwan auch an unserem Strandabschnitt, wenn müden Kinderarmen nach einem erlebnisreichen Strandtag die Kraft für den Rücktransport fehlte. Am nächsten Morgen begrüßte Goldi dann die neugierigen Möwen, schlaftrunkene Bernsteinsammler-Frühaufsteher oder – wenig später – die ersten Badegäste mit einem freundlichen: ICH BIN FÜR ALLE.

ICH BIN FÜR ALLE! Ist das nicht der Kern der Weihnachtsbotschaft? Genau das feiern wir doch an Weihnachten: Die Geburt Jesu, der für alle, ja für wirklich alle da war, da ist und immer da sein wird!
Wenn wir uns nur ein wenig an ihm orientieren, oder auch an unserem goldenen Schwan, wenn wir unsere Mitmenschen im Blick haben und vorurteilsfrei, unvoreingenommen und bedingungslos auf sie zugehen, dann ist Weihnachten. In unserem Tun, in unseren Herzen, auf der ganzen Welt!