Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Mit dem Wind - Sammlung der Beiträge aus den zurückliegenden Monaten

       

Mit dem Wind ... unterwegs, am 9. Oktober. Von wegen „mit dem Wind“! Vorhergesagt war ein ordentlicher Südwind. Also bester Schiebewind auf meinem Weg zur Arbeit. Stattdessen blies er wieder einmal aus meiner „Lieblingswindrichtung“: Südost. Und saukalt!https://strato-editor.com/.cm4all/widgetres.php/com.cm4all.wdn.Separatingline/images/thumbnail.svg
Auf der kleinen Anhöhe hinter Wolgast hob ich kurz den Kopf, den ich zwischenzeitlich wie eine Schildkröte zwischen die Schulterblätter eingezogen hatte. Naseputzen! Und aus dem Augenwinkel sah ich den Vollmond, der rund und klar über der Peenewerft stand. Schön, da hatte ich wenigstens den Schuldigen für meinen gestörten Nachtschlaf ausgemacht: Vollmond! Na klar! Hätte ich mir ja denken können.
Und weiter ging es durch den eisigen Wind. Der Neeberger Weg lag vor mir, mit dem Blick über die Felder bis hinunter zum Achterwasser. Ein wolkenloser Himmel bereitet den Sonnenaufgang vor. Großer Auftritt! Und dann schob sie sich langsam über den Horizont, die Grand Dame des Tagesbeginns. Völlig unbeeindruckt von der Kälte.
Sonne müsste man halt sein. Dann hätte man es immer schön kuschelig!
So ein Sonnenaufgang geht im Übrigen ratzfatz. Noch ehe ich Krummin erreicht hatte – also zugegeben, mein Tempo wurde durch den Wind (Sie erinnern sich?) ziemlich reduziert – stand der runde Feuerball schon ein ganzes Stück über dem Horizont und strahlte mich an.
Aber was machte eigentlich der Vollmond, der faule Kerl? Hatte der sich schon zum Morgennickerchen verabschiedet? Ich schaute mich um. Nein! Der Mond ließ sich heute mal richtig Zeit mit dem Untergehen. Und so befand ich mich plötzlich mitten zwischen zwei riesigen, leuchtenden Himmelskörpern. Der eine fahl mit deutlich erkennbaren Mondkratern und leichtem Hang zur Schläfrigkeit, die andere so strahlend hell und schön, dass man auch mit Sonnenbrille auf der verkühlten Nase besser nicht genauer hinsah, um nicht geblendet zu werden. Und dazwischen ich: schnaufend, frierend, strampelnd.
Ja und dann war sie plötzlich da, die Erkenntnis: Alpha und Omega, Anfang und Ende. Und dazwischen wir, die wir uns in unserem begrenzten irdischen Dasein abstrampeln. Nicht am Anfang steht das Licht, die Sonne, sondern am Ende unseres Lebens. Ihr gehen – oder radeln – wir entgegen. Ein gutes Gefühl, so ein schönes Ziel vor Augen zu haben. Aber auch das „Woher“ hat seine Schönheit, seinen ganz besonderen Glanz. Geborgen zwischen Monduntergang und Sonnenaufgang. Wie geht es uns als Christen gut!
Und während ich weiter mit dem eisigen Südostwind kämpfte, den Blick immer wieder zwischen Sonne und Mond oder auch Mond und Sonne schweifen ließ, da wurde es mir doch tatsächlich wärmer. Nicht an den Fingern oder der roten Nasenspitze, aber im Herzen. Gab es da nicht dieses wunderbare Spiritual von 1927: "He's got the whole world in His hands" oder auf der Deutsch: „Gott hält die ganze Welt in seiner Hand“? Genau so habe ich mich gefühlt, an diesem Oktobermorgen. Geborgen in Gottes Hand, zwischen Alpha und Omega, in allen Stürmen des Lebens!

Mit dem Wind ... ist er schon wieder vorbei, der Sommer mit seinen langen, hellen Tagen voll von Sonnenschein, luftiger Kleidung und ausgelassener Urlaubsstimmung. Das Herbstgrau steht mit Regenjacke und Kapuze, Schal und wetterfesten Schuhen schon mit einem Gummistiefel in der Türe. Obwohl: Graue Miesepeter-Kleidung ist in der dunklen Jahreszeit eher nicht zu empfehlen. Die schlägt zusätzlich aufs Gemüt. Hell und bunt sollte die Herbstgarderobe daherkommen oder zumindest über den ein oder anderen leuchtenden Reflektor verfügen.

Ja und ans Rad gehört natürlich eine ordentliche Beleuchtung. Sehen und gesehen werden heißt die Devise, und dabei geht es in diesem Fall absolut nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern ausschließlich ums Überleben.
Nun habe ich eigentlich gar nichts gegen den Herbst. Bunte Blätter und goldene Herbstsonne, weniger Autoverkehr, kürzere Tage und längere Abende, an denen man es sich mit Lesen, Klönen oder einem zünftigen Kartoffelfeuer wunderbar gemütlich machen kann. Was gibt es Schöneres, nach einer anstrengenden und oft hektischen Sommersaison?
Aber eine Sache stört mich doch am Herbst, am Winter und überhaupt an der dunklen Jahreszeit: Die Menschen werden unsichtbar! Also nicht, dass sich alle ab Oktober urplötzlich in Luft auflösen würden. Die sind schon noch da. Aber eben versteckt. In dicken Jacken, unter Mützen und Kapuzen, in Autos, Bahnen und Bussen. Und genau deshalb werden meine Mitmenschen so seltsam gesichtslos. Während mir im Sommer, auf meinem Weg zur Arbeit, gefühlt die halbe Insel – Schülerinnen und Schüler, die arbeitende Bevölkerung oder auch die „Lärchen“ unter unseren Urlaubern – radelnd und freundlich grüßend entgegenkommt, bin ich im Winterhalbjahr fast immer allein unterwegs. Und auch die Autofahrer, die im Sommer freundlich hinter ihren Windschutzscheiben lächeln oder winken – im herbstlichen Dunkel bleibt davon nichts als das Blendlicht der Scheinwerfer.
Gesichter, Lächeln, Gute-Laune-Morgenbooster? Fehlanzeige! Ja nicht einmal mehr die Rehe oder Vögel sind zu sehen. Denn glitzernde Reflektoren oder eine bunte Lichterkette für Fell und Federn haben sich in der Tierwelt bisher nicht durchgesetzt, sieht man mal vom blinkenden Halsband ab, dass sich Waldi oder Fiffi aber mit Sicherheit nicht selbst übergestreift hat.
Was bleibt mir also anderes übrig, als einsam durch das trübe Morgendunkel zu radeln? Motiviert und angetrieben einzig und allein von der Aussicht auf einen heißen, schwarzen Kaffee im Büro.
Es gibt allerdings noch eine andere Möglichkeit. So Vieles, was wir nicht sehen, ist doch trotzdem vorhanden. Unser Herz zum Beispiel. Das schlägt, wir fühlen es zwar manchmal, aber bei der Arbeit zuschauen können wir ihm bestenfalls mithilfe eines Ultraschallgeräts. Oder die Liebe eines Menschen. Klar, kann man versuchen, sie durch Gesten, Geschenke oder Worte auszudrücken und so ein klein wenig „sichtbarer“ zu machen. Aber das sind nur äußere Zeichen für ein Gefühl, das uns oft auch ganz ohne solch greifbare Verstärker über Jahre, ja im besten Fall Jahrzehnte oder auch ein ganzes Leben lang trägt.
Und schließlich Gott. Den haben wohl die wenigsten von uns schon mal persönlich getroffen. Das brauchen wir auch gar nicht. Wir glauben, nein, als Christen wissen wir, dass es ihn gibt. Das reicht, um uns sicher, geborgen und angenommen zu fühlen, mit ihm zu sprechen, ihn anzurufen und seine Stimme zu hören. Blickkontakt zu Gott? Überflüssig! Ist doch auch völlig egal, wie der aussieht. Hauptsache, er ist da. Und das ist gesetzt!
Die Menschen in den Autos, denen ich im Morgendunkel begegne, lächeln im Herbst und Winter vielleicht genauso freundlich, wie im Sommer. Nein, ganz bestimmt tun sie das! Auch wenn sicher an der ein oder anderen Stelle hinterm Steuer auch der Kopf geschüttelt wird, über diesen „Verrückten“, der da bei Wind und Wetter durch die Dunkelheit strampelt.
Wir sind so ungeheuer abhängig von äußeren Zeichen, von Symbolen, vom Sehen. Was wir nicht sehen, das ist nicht da, das gibt es einfach nicht. Im unsichtbaren Dunkel lauern ausschließlich Gefahren. Das haben wir so gelernt. Dabei wissen wir es eigentlich besser. Nur fehlt es uns oft an Mut, Glauben und nicht selten an einer positiven Lebenseinstellung.
Ich zumindest werde in den kommenden Monaten freundlich in die Autoscheinwerfer lächeln und mir ganz einfach vorstellen, wie aus der Fahrerkabine zurückgelächelt, gewunken und gegrüßt wird. Das motiviert! Auch im stärksten Südweststurm, im Hagelschauer, im Platzregen. Und dann wartet da im Büro ja auch noch der warme Kaffee …

Mit dem Wind ... mal eben schnell nach Afrika. Oder lieber doch nicht? Ganz schön weit weg von Usedom. Also mit dem Fahrrad meine ich. Aber auch mit dem Auto. Wenn ich an die Benzinpreise denke. Und das Flugzeug nehmen? Spätestens seit „flygskam“ als geflügelter Begriff die Runde macht, ist der Flieger eigentlich ein „No-Go“, was Umweltschutz und Nachhaltigkeit betrifft.

Was aber tun, wenn man von Fernweh und Urlaubssehnsucht heimgesucht wird? Ganz einfach: Man radelt an einem sommerlichen Abend von Trassenheide nach Mölschow, der untergehenden Sonne entgegen. Träumt von Elefanten und Giraffen, Affenbrotbäumen und weiten Steppen, schaut tiefenentspannt nach rechts und links und – befindet sich urplötzlich mitten im tiefsten Afrika! Rechts neben dem Radweg weiden, versteckt im hohen, trockenen Gras, beigefarbene Rinder. Die Kälber sind nur zu erahnen und die Herde strahlt eine schläfrige Ruhe aus. Aber was ist das, dort hinten im Gras?! Bewegt sich da nicht etwas zwischen den mannshohen Halmen? Lauert dort vielleicht ein Gepard oder gar ein Löwe, um sich ein saftiges Steak zum Abendbrot zu besorgen? „Lauft, ihr Kälbchen!“, möchte ich rufen, aber sehe im nächsten Augenblick den mächtigen Bullen der Herde durch das sich teilende Gras stapfen.
Uff! Noch mal gutgegangen! Mein Puls beruhigt sich langsam und jetzt entdecke ich auch den Zaun, der die Weide der Rinder begrenzt. Ist halt doch nur Usedom und nicht Afrika …
Aber der magische Moment hält noch eine Weile an. Ich schaue den Rindern zu, wie sie durchs hohe Gras streifen, verdränge alle Gedanken an Waldbrandstufe oder Klimawandel und genieße diese afrikanischen Minuten, mitten im Usedomer Sommer.
Zu Hause und doch ganz weit weg. Das klappt nicht immer. Eigentlich eher selten. Denn dazu braucht es Luft und Raum, den die Routinen des Alltags mit gnadenloser Konsequenz einengen. Vielleicht verreisen wir deshalb so gern, brechen aus und verlassen unsere sichere Weide, um Neues zu erleben und Ablenkung zu erfahren. Und dann? Nach einem kurzen Urlaub geht es zurück in unser persönliches Gefängnis aus Beruf, sozialen Verpflichtungen, belastenden Aufgaben und unerfüllten Erwartungen. Der Gefängniswärter ist streng und bestraft Verstöße gegen diese Ordnung mit schlechtem Gewissen, Schlafentzug und Selbstvorwürfen. Und der nächste Freigang liegt erschreckend weit in der Zukunft: Erst im Juli des kommenden Jahres steht der Jahresurlaub an. Bis dahin …
… bis dahin heißt es nicht „Tage zählen, Trübsal blasen und Kalenderblätter abreißen“, sondern immer mal wieder einen kleinen Ausbruch wagen: ins Theater, den Stadtpark, den nahen Wald, die Eisdiele um die Ecke, das Hallenbad mit Sauna, die Hunderunde oder auch die Radtour am Wochenende. Sie werden feststellen: Mit jedem Ausbruch wird die Mauer niedriger, werden die Gitterstäbe durchlässiger und selbst der strenge Gefängniswärter zeigt im Laufe der Zeit völlig unerwartete Züge von Milde und Gelassenheit.
Afrika liegt um die Ecke, der Nordpol hinter der nächsten Straßenkreuzung und die Karibik auf dem direkten Weg zur U-Bahn! Nehmen Sie sich die Zeit, auch im Alltag das Schöne, das Unerwartete zu entdecken! Lassen Sie die vielen wunderbaren Momente, Stunden, Tage und Wochen des Alltags nicht ungenutzt verstreichen, mit sinnlosem Warten auf scheinbar bessere. Schicken Sie ihren persönlichen Gefängniswärter in den Ruhestand, tragen Sie mutig die Jeans im Leopardenlook, pflanzen Sie einen Affenbrotbaum in den Blumentopf auf dem heimischen Fenstersims und träumen Sie unter der Dusche von fantastischen Korallenriffen. Das schont die Umwelt (wenn Sie es mit dem Duschen nicht übertreiben) und macht gute Laune! Und die bringen Sie dann im nächsten Sommer wieder mit, auf die schönste Urlaubsinsel der Ostsee!


Mit dem Wind ... kommt manchmal alles anders, als man das so geplant hat. Das trifft ausnahmsweise auch auf diese Kolumne zu, in der die kleine Lebensweisheit sonst regelmäßig am Ende zu finden ist.  „Der Mensch denkt, doch Gott lenkt“ – oder wie es, viel poetischer, im „Buch der Sprichwörter 16,9“ heißt: „Des Menschen Herz plant seinen Weg, doch der Herr lenkt seinen Schritt.“
Wenn das mal so einfach wäre! Das Steuer aus der Hand geben, spürbar die Kontrolle verlieren, die Planung scheinbar dem Zufall überlassen – was für Schreckensszenarien in unserem durchorganisierten Alltag, in dem schon der verspätete Bus bei manch einem für steigenden Blutdruck sorgt. Dabei sehnen sich das Herz und der ständig geforderte Geist doch danach, einfach mal „Fünfe gerade sein“ oder auch für eine Weile „die Seele baumeln“ zu lassen.
Für Christen kein Problem? Pustekuchen! Nur zu gern greifen wir Gott ins Steuer, weil wir doch ganz genaue Vorstellungen haben, in welchen Bahnen unser Leben verlaufen soll.
Und stört ihn das? Ich glaube kaum. Der liebe Gott ist doch längst autonom unterwegs und Instrumente wie Lenkung, Navi oder Kompass hatte er noch nie nötig, wenn es darum ging, uns sicher und zielgerichtet durchs Leben zu manövrieren. Nun gut, sein Ziel ist vielleicht nicht immer das von uns priorisierte, aber mit Sicherheit das allerbeste für uns. Soviel steht fest!
Aber jetzt zur Geschichte, die vor dieser Erkenntnis steht. Und die ist vielleicht etwas länger als sonst. Also eigentlich der Weg bis dahin, zur Erkenntnis – und nach Rügen. Denn dort geht es los. Und alle, die mit dem Radfahren nichts am Hut haben, die hören an dieser Stelle auf zu lesen, legen die Füße in der Hängematte hoch oder sich entspannt in die Sandburg und lassen Dreie, Viere oder auch gern Fünfe gerade sein.
Vätternrunde mit 315km zu lang, Bastad 198 abgesagt und deshalb spontan RügenRund als diesjährigen Radmarathon gebucht. 87km sind zwar im Grunde keine wirkliche Herausforderung, und selbst mit ordentlich Wind und diversen Hügeln müsste die Strecke in maximal 4 Stunden zu schaffen sein. Pessimistisch kalkuliert und eine halbstündige Mittagspause eingepreist. So also der Plan, als ich mich am 11. Juni auf nach Selin zum Start machte.
Dort erwartete mich, neben erstaunlich wenig Wind und angenehmen Temperaturen, ein mehr als überschaubares Häuflein von 24 Radlerinnen und Radlern. Also die warteten nicht auf mich, sondern hatten sich um einen kleinen Stand geschart, an dem es vor dem Start Kaffee und Kuchen für die Teilnehmenden gab.
Ein Blick auf das Teilnehmerfeld löste leichte Irritation bei mir aus. Der Altersschnitt lag bei geschätzten 70 Jahren. Ein weiterer Blick fiel auf die Rennräder – und ich war froh, das Modell mit Scheibenbremsen und modernster Technik zu Hause gelassen zu haben. Immerhin hatten die mitgebrachten Drahtesel dieser Rentnergruppe Rennlenker und keine Motorisierung. Aber wollten sich die Senioren tatsächlich gleich zügig auf eine so lange Strecke begeben? Wo stand bitteschön der Krankenwagen, der hier als Begleitfahrzeug sicher unerlässlich war?
Mit solchen und ähnlichen Überlegungen schob ich mir noch schnell zwei Stücke des köstlichen Kuchens („Heute zur Premiere for free!“) in den Mund, rechnete mir dabei gute Chancen auf einen Podiumsplatz aus und stellte mich in den Startkorridor. Das Startsignal gab Olaf Ludwig, Olympiasieger von 1988 und mehrfacher Etappensieger bei der Tour de France. Und es hatte mich schon etwas irritiert, dass er einen großen Teil der Teilnehmenden kannte und persönlich begrüßte. Waren das vielleicht alles Wölfe im Schafspelz? Misstrauisch sah ich mich um. „Bis zum Kreisverkehr fährt die Polizei voraus. Tempo 30, damit wir nicht zu schnell anfahren“, rief Ludwig noch, und bevor ich diese Information richtig verdaut hatte, setzte sich der Tross zügig in Bewegung. Munter quatschend nahmen die Alten Tempo auf und ich hatte Mühe, auf meinem modernen Edelrenner nicht den Anschluss zu verlieren.
Aber egal. Wenn die mich mitzogen, dann war vielleicht auch eine Zeit von unter drei Stunden möglich…
Nach 7km überließ uns das Begleitmotorrad der gut ausgeschilderten Strecke und nur wenige 100 Meter weiter rief einer der Senioren: „Links abbiegen!“
Wie? Die Ausschilderung zeigte geradeaus! Und die Spitzengruppe folgte dieser Strecke auch. Aber die 8 Radler vor mir bogen mit Schwung nach links auf eine Nebenstraße ab und der Herdentrieb - oder was weiß ich - verleitete mich, Ihnen zu folgen. Mit dieser Entscheidung, das wurde mir sofort klar, hatte ich mich als Ortsunkundiger den sieben Herren und einer Dame auf Gedeih und Verderben ausgeliefert. Meine Hoffnung, dass es sich nur um eine kleine Abkürzung handelte, schwand von Minute zu Minute. Auch deshalb, weil die Spitze unserer kleinen Radlergruppe permanent miteinander diskutierte, welcher Feldweg, welche Fußgängerzone oder welcher Radweg als nächstes genommen werden sollte. Die waren nicht nur schnell, die kannten sich auch noch bestens aus! Zumindest die Oldies. Die zwei Jungspunde hinter mir waren wohl wie ich nur zufällig bei der Truppe gelandet.
Die Strecke schlängelte sich durch blühende Felder und verkehrsarme Bereiche. In Sassnitz holperten wir auf dem Fußgängerweg zum Hafen hinunter, krochen auf üblem Kopfsteinpflaster an der anderen Seite wieder hinauf, erhaschten einen kurzen Blick auf die Radler, die dem offiziellen Kurs gefolgt waren, und quatschten – wenn nicht gerade der Weg diskutiert wurde – über Gott und die Welt. Einfach schön! Nur abhängen lassen durfte ich mich auf keinen Fall! Bestimmt waren wir auch auf einer Abkürzung unterwegs, denn die Truppe kannte tatsächlich jede Gießkanne am Wegesrand.
Aber wo war das Depot mit dem versprochenen Mittagessen? Ich hatte Hunger und die 44km, die auf dem Tacho standen, entsprachen genau meinem Magenknurren und der angegebenen Entfernung bis zur Verpflegungsstation. „Wir sind gleich da! Noch 5km“, hörte ich da den Chefscout von vorn rufen. Wie?! Noch 5km!!! Statt Abkürzung eine Verlängerung? Im Geiste rechnete ich die Zeit durch, dachte an einen schnellen Mittagsimbiss und stellte fest, dass damit die ursprünglich geplanten 4 Stunden immer noch im Bereich des Möglichen lagen.
Die Mittagspause hielt sich auch tatsächlich im Rahmen. Zwar mussten noch ein Pedal repariert, die Toilettenschlange erfolgreich absolviert und der Körper mit reichlich Kohlehydraten versorgt werden, aber trotzdem saßen wir zügig wieder im Sattel. Das lag vielleicht auch an der dunkelgrauen Färbung der Bewölkung über uns. Und als wir schließlich Bergen erreicht hatten, brach ein ordentliches Unwetter über uns herein.
Nun gut, das ist man bei solch langen Strecken gewohnt und hat sich deshalb entweder rechtzeitig mit einer ordentlichen Regenjacke versehen oder trotzt dem Wetter, indem man den Platzregen nach Möglichkeit ignoriert. Nicht so mein „Team“. „Unterstellen!“, hörte ich von vorn – und schwupp standen alle im Eingang eines öffentlichen Gebäudes. Dabei waren wir doch schon alle nass! Meine schöne Zeit!! Die 4 Stunden!!! Aber meine Fahrgemeinschaft kannte kein Pardon: „Wir sind Schönwetterfahrer“, hieß es nur lapidar.
Erst als es wirklich wieder trocken war, ging die Tour weiter. Ungefähr 2km. Dann war der nächste Regenstopp unter einem großen Baum angesagt. Spätestens hier hatte ich die 4 Stunden längst begraben. Da störte es dann auch nicht mehr, dass wir im weiteren Verlauf der Fahrt noch den ein oder anderen Umweg zu „besonderen touristischen Sehenswürdigkeiten“ einlegten.
Aber vielleicht wenigstens die 4:15 Stunden …? Vier Kilometer vor dem Ziel keimte wieder ein zartes Hoffnungspflänzchen. Aber nur für wenige Augenblicke. „Pinkelstopp!“. Die einzige Dame in der Gruppe gab das Kommando und mir die Erklärung dazu: „Im Ziel gibt es keine Toiletten.“
Na prima! Bis sich alle in die Büsche verteilt hatten, verstrichen wertvolle Minuten. Und dann, kaum saßen wir wieder im Sattel, rief Heinrich, mit Ü80 der Älteste in der Gruppe: „Ich hab nen Platten!“
Auch das noch! Ich überlegte kurz, einfach weiterzufahren, verwarf diesen zutiefst unsolidarischen Gedanken aber gleich wieder. Stattdessen beteiligte ich mich rege an der Diskussion, ob Flicken oder einfaches Aufpumpen 2km vor dem Ziel die bessere Lösung sei.
Heinrich entschied sich – zum Glück – fürs Pumpen und dann, endlich, lag das Ziel vor uns. Ein Sprint? Wertvolle Plätze gutmachen, wenn schon die Zeit unsäglich schlecht ausfällt? Blödsinn! Ich ließ den alten Herren, mit denen ich mich über Stunden wunderbar unterhalten hatte und die mich zuverlässig durch verwinkelte Ecken Rügens nach fast 100km ans Ziel gebracht hatten gern den Vortritt.
Schließlich sprang ein hervorragender 18. Platz in der geradezu unglaublichen Zeit von 4:39 Stunden bei dieser Rundfahrt heraus. Festgehalten im Zielfoto von einem weiteren ehemaligen Olympiasieger, der so alt aussah, dass er diesen Sieg wohl bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit errungen hatte.
„Der Mensch denkt, doch Gott lenkt“. Vielleicht nicht immer auf dem kürzesten Weg und auch nicht so schnell, wie wir das gerne hätten – in jedem Fall aber auf dem für uns besten Weg!


Mit dem Wind ... die „Farbe des Sommers“ gesucht. Gerade habe ich mal gegoogelt, was das Netz dazu sagt. Je nach Website, Designer oder Unternehmen trägt man in diesem Jahr Grün, Gelb, Rot, Lila, Blau, Rosa, bunt gemustert oder auch gestreift, Pastelltöne und klare Farben. Weiß geht ohnehin immer und Schwarz hat weiterhin ganzjährig Saison.https://strato-editor.com/.cm4all/widgetres.php/com.cm4all.wdn.Separatingline/images/thumbnail.svg
Natürlich heißt dabei „Gelb“ nicht einfach „Gelb“. Sonst könnte man ja das gelbe Kleid aus der vorherigen Saison tragen. In diesem Jahr muss es aber „Daffodil“ oder „Popcorn“ sein, bestenfalls geht noch ein „sanftes Buttergelb“. Vielleicht also das maisgelbe Shirt – übrigens die Modefarbe der Vorsaison - aus der Kommode nehmen und beim Frühstück mal eben sanft durch die Butter ziehen? „Sanftes Buttergelb“! Mit Popcorn bekleben wäre deutlich aufwendiger, denke ich.
Aber mal ehrlich: Die beste Farbwahl am Meer war schon immer weiß-blau-gestreift. Dieser Streifenlook hat bereits die Sommerfrischler Anfang des 20. Jahrhunderts in den Kaiserbädern gekleidet und ist ein zeitloser Klassiker! Dachte ich zumindest. Ein Blick ins Lifestylemagazin „Glamour“ belehrte mich eines Besseren. Blau-Weiß ist sowas von out. Das heißt heute – also zumindest in dieser Saison – „Skydiver“ mit „White Alyssum“ oder „Glacier Lake“ mit „Snow White“!
Geht Ihnen der ganze Modequatsch manchmal auch so auf den Geist wie mir? Vielleicht doch einfach wieder zur Jeans und dem kratzigen Naturleinenhemd greifen? Ha, da lacht Sie die Modeindustrie aber mal gründlich aus. EINFACH war gestern! Allein die Vielfalt der unterschiedlichen Jeansmodelle sprengt jede Vorstellungskraft. Und natürlich gibt es auch hier eine Vielzahl von Farbbezeichnungen und oben drauf gleich noch diverse, unterschiedlichen Waschungen. Ein Wahnsinn!!
Da setze ich mich doch erst mal aufs Rad und verdaue bei einer schönen Runde durch die Felder der Umgebung das ganze Chaos der Farbbegrifflichkeiten. Das Gelb der Rapsfelder ist verblasst und es dominieren grüne Mais- und hellbraune Getreidefelder. Was für eine Erholung, nach all dem Farbenchaos! Grün und Braun – geht doch! Die Natur braucht keine unverständlichen Kunstbegriffe.
Aber während ich so durch die Wiesen und Felder rolle, weicht meine anfängliche Zufriedenheit einer neuen Irritation. Ziemlich eintönig, diese Monokulturen! Nur ganz am Rand der Getreidefelder zeigt sich etwas roter Mohn, verliert sich die ein oder andere blaue Kornblume. In den Feldern selbst wird solcherlei Unordnung selbstverständlich nicht geduldet. Darauf achtet der zuständige Landwirt. Wer will schon blaue Farbtupfer im Mehl vorfinden?!
Aber ausschließlich Grün und Braun als Farben des Sommers? Jedes Jahr? Überall? Wie langweilig!
Während ich unzufrieden weiterstrample wühlt sich eine Erinnerung aus irgendeinem Hinterzimmer meines Gedächtnisses nach vorn. Gab es da nicht im letzten Jahr diese herrliche Naturwiese, kurz vor der Ortseinfahrt von Latzow? Weiße Schafgarbe durchsetzt mit vielen bunten Tupfern der unterschiedlichsten Wiesengewächse. Na die drei Kilometer Umweg nehme ich doch gerne auf mich, um hoffentlich etwas Abwechslung in der drögen, grün-braunen Sommereintönigkeit zu entdecken. Und tatsächlich: Die Wiese ist noch vorhanden! Natur pur! Aber wo ist die Schafgarbe? Nur vereinzelte weißgekrönte Halme recken aus der Blumenwiese ihre Blüten in den strahlendblauen Sommerhimmel. Und Schafgarbe ist das auch nicht! Stattdessen leuchtet die Wiese dieses Jahr in einem satten Blau! Überraschend, aber auch schön.
Sollte da etwa doch irgendein Landwirt oder Gärtner am Werk sein, der mit lockerer Hand für diesen Farbwechsel sorgt und so dem Sommer seine individuelle Note verleiht? Das muss dann aber ein richtiger Könner sein, der ohne große Landmaschinen, ohne umwälzende Neuanpflanzungen oder andere ordnende Eingriffe, die Optik eines Feldes mal eben von Jahr zu Jahr verändert. Ein richtiger Landschaftsgärtner von Weltruf.
Mir fällt da eigentlich nur einer ein. Gegen ihn sind wir alle Gärtner-Azubis im ersten Lehrjahr. Bestenfalls! Schließlich hat ganz allein er unsere Erde so wunderbar gestaltet. Und ähnlich wie beim „Zauberlehrling“ von Johann Wolfgang von Goethe geht regelmäßig so einiges schief, wenn wir meinen, auch nur ansatzweise an seine Kunst heranreichen zu können. Beispiele erspare ich Ihnen an dieser Stelle. Die fallen Ihnen bestimmt auch reichlich ohne meine Hilfe ein.
Vielleicht sollten wir dem Meister einfach öfter mal freie Hand lassen? Nein, ganz bestimmt! Er bringt nicht nur Farbe in so eine kleine Wiese, sondern auch Ordnung in unser Leben. Seine Ordnung. Mit der, das verspreche ich Ihnen, fahren wir gut. Fast so gut wie mit dem Rennrad und Rückenwind bergab. Nein: Viel Besser!
Ach und die Farbe des Sommers? Ist sowas von egal! Vielleicht machen Sie es einfach wie die Wiese in Latzow und tragen in diesem Jahr Blau mit vielen Farbklecksen. Da sieht man auch die Flecken nicht, wenn beim Picknick am Strand mal nicht alles rund läuft!

Mit dem Wind ... und mit den Wellen wird es an Usedoms Strände gespült, das Gold der Ostsee, der Bernstein. Wer aber nun meint, dass ein gemütlicher Strandbummel ausreicht, um mit prallen, bernsteingefüllten Hosentaschen nach Hause gehen zu können, der irrt. Nicht wenige Urlauber reisen nach zwei Sommerferienwochen auf Usedom enttäuscht ab, ohne einen einzigen Bernstein im Gepäck. Im schlimmsten Fall verfolgt sie noch auf dem Heimweg der Spott ihres Vermieters, der die gelblich glänzenden Kostbarkeiten, die sie ihm nach einem ihrer langen Strandwanderungen stolz präsentierten, mit Kennerblick als stinknormale Steine identifiziert und schallend gelacht hatte.
Ja, es ist tatsächlich gar nicht so einfach, Bernstein zu finden. Erst einmal muss ein kräftiger Sturm aus der richtigen Richtung her, damit die Klunker aus der nördlichen Ostsee oder dem Baltikum den Weg an unsere Strände finden. Ja und dann gibt es auf Usedom eine Menge ausgefuchster, ja fast professioneller Bernsteinjäger, die noch im Morgengrauen die dicksten Brocken vom Strand sammeln, wie erfahrene Pilzsucher die besten Stellen kennen und genau wissen, bei welcher Wetterlage sich das frühe Aufstehen lohnt.
Da bleiben in der Regel nur noch die Krümel übrig, für die urlaubenden Strandläufer, die hochkonzentriert jedes Steinchen, jede Muschel, die nur irgendwie goldig glänzt, hoffnungsfroh aus dem seichten Wasser fischen.
Kein Wunder also, dass mach glückloser Tourist seinen Bernstein aus Frust schließlich im örtlichen Souvenir-Shop oder gleich, entsprechend bearbeitet, beim Schmuckhändler ersteht. Erinnert irgendwie an die glücklosen Angler, die auf dem Nachhauseweg eine Makrele beim Fischhändler erwerben. Möglichst frisch geräuchert, denn so schmeckt sie der Familie am besten. Beim Abendbrot wird dann ausführlich der heftige Kampf mit dem Fisch an der Angel geschildert. Manchmal kommt man mit solchen Geschichten auch tatsächlich durch. Wenn wohlgesonnene Zuhörer ihre Sinne in erster Linie auf den leckeren Fisch rausrichten oder ein etwas naiver Laie beim Anblick des schön gefassten Bernsteins, der „genau so“ einfach am Strand gelegen hat, sofort ins nächstgelegene Reisebüro läuft, um einen Usedom-Urlaub zu buchen.
Aber es gibt sie durchaus, die Glückspilze, die nicht nur die dicksten Fische aus einer trüben Pfütze ziehen, im Herbst wie selbstverständlich mit einem prall gefüllten Korb makelloser Steinpilze aus dem Wald kommen und bei denen zu Hause ein gut gefülltes Einmachglas mit wunderschönen Bernsteinen auf dem Fenstersims steht. Es sei ihnen gegönnt!
Allerdings frage ich mich beim Anblick solch eines überquellenden Bernsteinglases manchmal, warum wir Menschen dazu neigen, alles im Übermaß besitzen zu wollen. Mehr Geld, mehr Land, mehr Macht, mehr Anerkennung: Wir sind als Spezies unersättlich! Und das viel zu oft auf Kosten unserer Mitmenschen oder der Flora und Fauna, die unser Überleben sichert.
Blind, maßlos und völlig unnötig häufen wir Schätze, Ländereien, Vorräte oder auch Machtpositionen an. Wir verschließen sie in Tresoren, sichern sie durch Zäune, Kameras oder mit Wachen und verteidigen sie verbissen und oft gnadenlos gegen tatsächliche oder vermeintliche Eindringlinge und Neider. Ich nenne es das Dagobert-Duck-Syndrom.
Aber sind wir glücklich mit unseren so gesicherten Schätzen? Im Prinzip geht es uns nicht anders als Onkel Dagobert, der aus Angst vor den Panzerknackern niemanden in seinen Geldspeicher lässt. Dessen einzige Freude an seinem Reichtum darin besteht, sich bei einem Talerbad die Goldstücke auf den Kopf prasseln zu lassen und der doch ohne den Kontakt zu seinem Neffen und Habenichts Donald nicht glücklich ist.
Wir sind schon seltsam, wir Menschen. Auch die Apostel waren lange der Meinung, sich selbst genug zu sein. Lieber nicht in die gefährliche Welt ziehen und den Glauben verkünden. Wer keinen reinlässt, der ist sicher – in seinem selbstgewählten Glaubens-Gefängnis. Dort kann man seinen Glauben hegen, pflegen, vermehren und mit Vertrauten und Gleichgesinnten teilen. Aber Gott wäre nicht Gott, hätte er die Jünger nicht auf den richtigen Weg geführt. Raus aus der Komfortzone und hinaus in die Welt. Ein Glaube, der nur im Geheimen blüht, gleicht einer wundervollen Kunstsammlung, die der Öffentlichkeit von ihrem Besitzer vorenthalten wird, einer Schatzkammer, an deren Pracht sich nur wenige Auserwählte erfreuen dürfen.
Und unser stolzer Besitzer des Bernsteinglases? Der darf gern weitersammeln. Aber vielleicht lässt er den nächsten Bewunderer seiner Sammlung einfach mal tief ins Glas greifen und schenkt ihm einen der Steine. Nicht den kleinen, mickrigen, der eh ein Schandfleck zwischen all den glänzenden Stücken in Kluntjegröße ist, sondern einen richtig ordentlichen Bernstein.
Und die entstandene Lücke im Glas? Die wird durch das Lächeln und die Freude des Beschenkten mit ganz neuem, sehr besonderem Glanz gefüllt. Versprochen!

Mit dem Wind ... und was passiert dann? Ja, was passiert eigentlich dann? Jedes Frühjahr stellt sich mir als landwirtschaftlichem Laien diese Frage, wenn ich durch die Felder zwischen Sauzin, Neeberg und Krummin fahre. Ich unterscheide grob zwischen braun und grün, also Feldern, auf denen nichts oder noch nichts wächst und solchen, die offensichtlich bestellt wurden. Was da dann aber jeweils wächst? Keine Ahnung! Grün eben! Erst, wenn das Rapsfeld gelb blüht oder an den langstieligen Gewächsen auf dem Nachbarfeld kleine Maiskolben zu erkennen sind, dämmert bei mir die Erkenntnis. Allerdings nur bei Raps und Mais. Weiß der Himmel, oder zum Glück der Landwirt, was auf den anderen Feldern wächst, reift und gedeiht.

Auch bei anderen Nutz- und Ziergewächsen sind meine botanischen Kenntnisse eher schwach ausgeprägt. Kirsch- oder Apfelbaum? Klar kann ich die unterscheiden! Wenn die entsprechenden Früchte an den Ästen hängen. Vorher genieße ich den Anblick der blühenden Bäume und frage mich völlig unwissend, ein wenig neugierig aber immer erwartungsfroh: Was passiert dann?
Meine Unwissenheit wird mir übrigens von nicht wenigen meiner Mitmenschen als Dummheit oder alternativ auch Faulheit ausgelegt. „In der Schule nicht aufgepasst?!“ „Dafür gibt’s doch Google!“ „Du hast wohl kein Interesse an deiner Umwelt?!“ Alles Kommentare, die ich schon zu hören bekam.
Geht Ihnen das auch so? Sie wissen etwas nicht, gehen der Sache auch nicht auf den Grund und rumms – stehen Sie in der Ecke. Zusammen mit den anderen Trotteln. Wie früher in der Schule.
Von uns wird erwartet, dass wir uns immer informieren. Über alles! Und dadurch ganz genau wissen, was zukünftig passieren wird. Nur so können wir nämlich all das Schlimme vermeiden, das eine ungewisse Zukunft bösartig und hinterhältig vor uns versteckt. Schon als Kind versuchen Eltern oder Lehrer, uns mit warnenden Worten vor Gefahren und schlimmen Erfahrungen zu bewahren. Und in den Medien vergeht kein Tag ohne Warnung vor dem, was unweigerlich passieren wird. Ein arglos abwartendes und scheinbar beliebiges „Was passiert dann?“ ist da nicht angebracht. Im Gegenteil: Ungefragt erhält man sofort die einzig zutreffende Antwort, ergänzt durch überlebenswichtige Verhaltenshinweise. Abwarten und einfach „mal schauen“? Keine Alternative in unserer Gesellschaft in der jedes naive „Was passiert dann?“ selbstverständlich umgehend beantwortet werden muss.
Selbst auf die letzte entscheidende Frage, was denn nach dem Tod wohl passiert, gibt es eine konkrete und selbstverständlich wissenschaftlich, theologisch oder zumindest mit Überzeugung untermauerte Antwort. Wie diese ausfällt, hängt schlussendlich nur davon ab, wen man fragt…
Vor drei Wochen bin ich am frühen Morgen mit meiner entspannten „Was-passiert-dann-Stimmung“ durch die Felder gerollt. Auf einer Wiese standen, weideten oder lagen gemütlich mehrere Kühe. Eine Kuh sah seltsam aus. Irgendetwas hing an ihrem Hinterteil. Ich hielt an und, nachdem ich die Sonnenbrille auf den Helm geschoben hatte, blickte ich durch: Da war offensichtlich eine Geburt im Gange. Oder besser schon fast vorbei, denn im nächsten Augenblick plumpste ein Kälbchen aufs morgenfeuchte Gras. Die frisch gebackene Mutter leckte das Kälbchen und der Nachwuchs brauchte nur Augenblicke, um den Kopf zu heben und in die ersten Morgensonnenstrahlen seines jungen Kälbchenlebens zu blinzeln.
„Aber was passiert dann?“, fragte ich mich unwillkürlich. Das konnte, nein das durfte so nicht sein. Aus einschlägigen Fernsehserien wusste ich natürlich haargenau, was passieren musste. Dass die Geburt eines Kälbchens nämlich immer hochdramatisch ist. Immer! Unausweichlich! Geburt ohne Tierarzt? Einfach unmöglich! Es konnte also höchstens noch Augenblicke dauern, bis ein eifriger Veterinärmediziner mit wehenden Rockschößen, Stethoskop und langen Gummihandschuhen aus einem altersschwachen Offroader stürzen würde. „Halt durch Kälbchen!“, dachte ich unwillkürlich. „Hilfe naht!“
Während die Mutter ihr Neugeborenes weiterhin von den Spuren der Geburt säuberte, nahten andere Mitglieder der Herde und schauten sich den Neuankömmling in aller Ruhe an. Ein Tierarzt? Fehlanzeige. Die Herde hatte alles im Griff und den Nachwuchs freundlich muhend aufgenommen. Einfach tierisch entspannt, diese Herde Rindviecher! Mit meiner medial angeeigneten „Das-passiert-dann-Erwartungshaltung“ lag ich völlig falsch. Ging tatsächlich auch ganz ohne Tierarzt.
Wieder auf dem Rad, schüttelte ich mich, wie das neugeborene Kälbchen. Wieder ein Argument mehr für ein unvoreingenommenes, erwartungsoffenes „Was passiert dann?“! Zum Glück passiert eben nicht immer das, was wir erwarten, befürchten oder nach landläufiger Meinung unausweichlich ist. Dazu ist die Schöpfung viel zu unberechenbar. Zumindest für uns. Einen kenne ich nämlich, der tatsächlich ganz genau weiß, was passiert. Aber der, der verrät uns das nicht. Ist auch gut so. Denn so dürfen wir immer wieder völlig unbelastet, überrascht, staunend und frei von jedem Wissen um die Zukunft fragen: „Was passiert dann?“

Mit dem Wind ... über den Tellerrand geschaut. Oder doch lieber in den Briefkasten vor der Haustür? Es gibt, das haben Sie sicher auch schon beobachtet, zwei Sorten von Briefkastenbesitzern. Die einen ignorieren ihren Kasten völlig. Ist ja eh nichts Wichtiges drin. Höchstens Rechnungen! Oder Werbung, obwohl der Kasten einen deutlich zu erkennenden Werbeverweigungsaufkleber trägt. Ihr Briefkasten wird nur einmal in der Woche geleert. Reicht doch! Nur, wenn die Werbung aus dem Briefschlitz quillt, wird notgedrungen eine Zwischenleerung eingeschoben.

Ich gehöre zur zweiten Gruppe der Briefkasteneigentümer. Das Verhältnis zum bunten Kasten vor meiner Haustür ist von inniger, gegenseitiger Zuneigung geprägt. Fast könnte man es Liebe nennen. Täglich schaue ich mehrfach nach, ob nicht ein verirrter Brief, ein Werbeflyer oder vielleicht ein kleines Geschenk darin zu finden ist. Manchmal tröste ich den Briefkasten, wenn wieder ein Tag ganz ohne Postwurfsendung vergangen ist.
„Die Post ist doch schon längst durch!“, meint meine Frau kopfschüttelnd, wenn ich kurz vor der Tagesschau noch einmal nach unten gehe. Dabei kann man doch nie wissen, ob der Briefträger nicht vielleicht einen Brief oder eine Postkarte in seiner Tasche vergessen hat und – pflichtschuldig und im Wissen um meine Vorfreude auf Post – zum Ende seiner Tour noch einen Extraabstecher zu meinem Briefkasten eingelegt.
Nun haben wir ein kleines schwedisches Ferienhaus und auch dort gibt es natürlich einen Briefkasten. Der hängt in Schweden aber traditionell nicht am Haus, sondern befindet sich, zusammen mit den Briefkästen der Nachbarn aus der näheren Umgebung, an einer Art Briefkastensammelstelle direkt an der nächsten befahrbaren Straße. Der schwedische Briefträger fährt mit dem Auto vor und befüllt, ganz ohne auszusteigen, den ungeordneten Briefkastenhaufen am Wegesrand. Das geht auch richtig flott, denn die schwedischen Briefkästen sind alle unverschlossen und von oben zu öffnen. Deckelklappe auf und rein mit der Post!
Nun bekomme ich in Schweden natürlich nicht mehr Post, als zu Hause. Im Gegenteil: Mein Briefkasten dort weiß nicht einmal, wie ein Brief aussieht. Manchmal fragt er sich sicher, warum er da überhaupt herumhängt. Seine beiden Kollegen an unserem kleinen Sammelplatz haben es hingegen deutlich besser. Die gehören nämlich einheimischen Hauseigentümern.
Mein schwedischer Briefkasten und ich sind echte Leidensgenossen. Weil ich um seine traurige Situation weiß, besuche ich ihn, ohne jede Erwartungshaltung aus Solidarität natürlich trotzdem täglich. Und um meine Sehnsucht nach Postwurfsendungen zu stillen, werfe ich dann auch immer einen prüfenden Blick in die regelmäßig gut gefüllten Nachbarbriefkästen. Nur zur Kontrolle. Man kann ja nie wissen, ob in diesen nicht fälschlich ein an mich adressierter Brief gelandet ist. Selbstverständlich unterdrücke ich den Impuls, eine gerechtere Verteilung der Post vorzunehmen. Wer will denn schon die Rechnungen seiner schwedischen Nachbarn bezahlen?
Bei unserem letzten Aufenthalt im März bekamen die drei einsamen Briefkästen an der Straße nach Bäckaskog allerdings unvermittelt Gesellschaft. An einem sonnigen Nachmittag rückten drei fleißige Handwerker an. Sie hämmerten, sägten, bohrten und als sie nach einer Viertelstunde zurück in Ihren Wagen sprangen und grußlos verschwanden, da standen sie am Straßenrand: drei nagelneue, namenlose Briefkästen! Wir hatten die nicht bestellt! Auch unsere schwedischen Nachbarn waren irritiert. In der Presse hatte nichts von einer großangelegten kommunalen Geschenkaktion gestanden. Auch hatte keine andere Ansiedlung in der näheren Umgebung neue Briefkästen erhalten. Es musste sich also, so der kollektive Verdacht unserer kleinen Community, um irgendeine hinterhältige Gemeinheit gewiefter Betrüger handeln! Vielleicht wollten diese so Post erbeuten, die irrtümlich in die neuen Kästen eingeworfen wurde? Oder demnächst eine dicke Rechnung fürs Aufstellen präsentieren? Oder vielleicht handelte es sich bei den Kästen gar um drei scheinheilige Briefkastenfirmen im Nirgendwo? In den folgenden Tagen fiel uns auf, dass auch weiter entfernt wohnende Nachbarn vor den Briefkästen anhielten, den Kopf schüttelten und wieder ins Auto stiegen.
Irritation und Misstrauen – so reagieren wir auf viele Dinge. Und diese Reaktion ist keineswegs neu. Auch vor zweitausend Jahren waren die Menschen schon irritiert, als da plötzlich einer auftauchte, der die Auferstehung und das ewige Leben predigte. Was wollte dieser Typ? Der konnte doch nichts Gutes im Schilde führen, mit seinen vollmundigen Versprechungen! Das Misstrauen der Zeitgenossen Jesu war so groß, dass sie – wir wissen es alle – versuchten, der scheinbaren Bedrohung ein Ende zu machen. Kreuzigung und Schluss! Genützt hat ihnen das nichts. Zum Glück!
Vielleicht sollten wir versuchen, unser erlerntes und oft tief verwurzeltes Misstrauen gegen alles Neue und Ungewöhnliche öfter infrage zu stellen. Wäre Jesus nicht so hartnäckig gewesen und einfach auferstanden, seine Zeitgenossen hätten durch ihre unbegründete Angst zusammen mit ihm das zart erblühende Christentum ans Kreuz genagelt und damit für alle Zeiten erledigt.
Mehr Offenheit für Neues also. Was aber heißt das für unsere drei schwedischen Briefkästen? Vater, Sohn und Heiliger Geist werden dort wohl kaum einziehen. Aber vielleicht finden wir ja am Ostersonntag in jedem Kasten ein Osternest, das freundliche Mitmenschen dort für uns „eingeworfen“ haben? Vielleicht hatte auch ein unbekannter Spender Mitleid mit unserem wackligen, in die Jahre gekommenen Briefkastenständer? Zu Ostern statt den üblichen Schokohasen einen neuen Briefkasten? Könnte doch sein. In jedem Fall werden wir genau beobachten, wie sich die Sache entwickelt. Nicht misstrauisch, sondern neugierig, interessiert und unvoreingenommen. Vielleicht hilft es auch, wenn wir uns gelegentlich vor Augen führen, dass das, was heute für uns Christen so selbstverständlich ist, für die Jünger, ja für alle Menschen die vor 2000 Jahren in Jerusalem das erste Osterfest miterlebten, ein riesiges Mysterium darstellte. Da war damals eine richtig große Portion Glauben, Vertrauen und positives Denken gefragt!
Lassen wir uns immer neu ein, auf das Ostermysterium – das Fundament unseres Glaubens! Dann fällt es uns mitunter auch leichter, mysteriösen Popup-Briefkästen und andere Merkwürdigkeiten des Lebens weniger ängstlich zu begegnen.

Mit dem Wind ... naht sie mit dem Aschermittwoch unausweichlich, wie die Mahnung auf eine unbezahlte Rechnung: die vorösterliche Fastenzeit. Zu diesem Zeitpunkt liegen die guten Vorsätze für das neue Jahr schon einige Wochen zurück, sind umgesetzt, vergessen oder mangels Durchhaltevermögen ersatzlos gestrichen worden. Also findet sich – zumindest bei mir – wieder hinreichend Platz zur asketischen Gestaltung der siebenwöchigen Fastenzeit vor Ostern. Keine Chips, kein Eis, kein Alkohol, jeden Tag an die Umwelt denken, kein TV, weniger Kaffee oder auch kein sinnloses Onlineshopping – mit 55 Jahren hat man schon so einige Fastenprojekte mehr oder weniger erfolgreich absolviert. Und es ist gar nicht so einfach, jährlich einen neuen und darüber hinaus auch sinnvollen Fastenvorsatz zu finden. Wahrscheinlich erscheinen genau aus diesem Grund pünktlich zu jeder Fastenzeit zahlreiche, gut gemeinte Listen mit möglichen Fastenprojekten. Die Ähnlichkeit zu den unterschiedlichen Diätvorschlägen, mit denen uns Magazine und Werbung pünktlich nach den Weihnachtstagen drangsalieren, ist manchmal nicht zu überlesen. Fastenklassiker treffen dabei auf innovative Vorschläge, nachhaltige Ansätze auf revolutionäre Ideen. Da ist tatsächlich für fast jeden etwas dabei.

Mein diesjähriges Fastenprojekt habe ich allerdings keiner solchen Aufstellung entnommen. Vielmehr ist es beim Blättern in der Wochenendausgabe unserer Tageszeitung entstanden. Ein spannender Artikel befasste sich – eigentlich nur am Rande – mit der „Dummheit“. Und nach der Lektüre dieses Beitrags stand für mich fest: Ich plane für die diesjährige Fastenzeit ein exzessives Dummheitsfasten!
Nicht möglich, denken Sie? Dumm ist man, oder auch nicht? „Dummheitsfasten?! Wie soll das denn gehen?“, wurde ich deshalb bei der Bekanntgabe meines Fastenvorsatzes gefragt. Und tatsächlich hängt das Dummheitsfasten ganz eng mit der Definition der Dummheit zusammen. Bisher dachte ich immer – wie wahrscheinlich die meisten Menschen – das Gegenteil von schlau sei eben dumm. Wie schlau ein Mensch ist, hat dann mit der individuellen Intelligenz zu tun, die man bekanntlich über den IQ meint messen zu können. Ein schlauer Mensch hat demnach einen hohen IQ, ein dummer einen niedrigen. Somit verfügt also der Schlaue über ein geringeres Maß an Dummheit, als der Dumme. Die Kurzformel lautet deshalb: Hoher IQ = geringe Dummheit, niedriger IQ = große Dummheit. Insofern kommt dann das Dummheitsfasten tatsächlich auch nur für den richtig Dummen infrage, wie die Diät für den stark Übergewichtigen oder der Entzug für den Kettenraucher.
All das steht und fällt allerdings mit der Definition von Dummheit. In besagtem Zeitungsartikel, der die Inspiration für meine Fastenaktion lieferte, wurde die Psychiaterin, Frau Heide Kastner, wie folgt zitiert: „Das zentrale Merkmal von dummen Leuten ist, dass sie ausschließlich die eigene Position priorisieren.“ Zu kompliziert? Nein, Sie sind nicht dumm! Ich musste den Satz auch mehrmals lesen, aber jetzt interpretiere ich ihn gern für Sie: Nicht etwa der niedrige IQ vereint alle Dummen, sondern die Unfähigkeit oder der mangelnde Wille, über andere Meinungen als die eigene überhaupt nur nachzudenken. Menschen, die sich für besonders intellektuell halten, sind für diese Art der Dummheit also ebenso anfällig, wie klassische Schwarz-Weiß-Seher, Führungskräfte ebenso wie lautstarke „Ich-bin-das-Volk-Krakeeler“.
Eine Meinung haben dürfen wir alle. Was uns allerdings von den richtig Dummen unterscheiden sollte, das ist unsere Bereitschaft, die eigene Position immer wieder zu hinterfragen, gegebenenfalls zu korrigieren und die der anderen nicht ungeprüft und vorschnell zu diskreditieren. Dummheitsfasten bedeutet, dem anderen zuzuhören, offen zu sein, für Gedanken und Positionen, die von der eigenen Überzeugung abweichen, Verständnis zu entwickeln und Toleranz zu üben.
Als Christen, denen die Liebe zu den Mitmenschen als eines der beiden wichtigsten Gebote mit auf den Weg gegeben wurde, sollte das eigentlich kein Problem sein. Wer liebt, grenzt nicht aus. Wer liebt, hört zu. Wer liebt, sieht im anderen den Mitmenschen und nicht den Feind. Wenn wir uns intensiv auf Gott hin orientieren – und genau das ist der Sinn der Fastenzeit –, dann steht das Gebot der Nächstenliebe über allem. Das ist auch tatsächlich die einzige Position, die als Lebensmaxime nicht verhandelbar ist. Orientieren wir uns an ihr, dann wird alles gut!
Meinen IQ kenne ich übrigens nicht. Die Neigung, die eigene Position an der ein oder anderen Stelle als den Nabel der Welt zu betrachten, kann ich allerdings nicht leugnen. Aber nach sieben Wochen Dummheitsfasten sollte ich, wenn auch vielleicht noch nicht am Ziel, so doch auf einem guten Weg sein!
Gutes Durchhalten bei Ihrem diesjährigen Fastenvorsatz wünsche ich! 

Mit dem Wind ... mal freundlich „Moin“ gerufen. „Moin“ und nicht etwa „Morjen“, wie der Berliner gern mal am frühen Morgen schnodderig die Kollegen begrüßt. Es hat lange gedauert, bis ich nach meiner Kindheit und Jugend auf der Nordseeinsel Langeoog verstanden habe, dass sich an meinem Studienort Berlin die Menschen auf den Arm genommen fühlen, wenn man ihnen am späten Nachmittag ein gutgelauntes „Moin“ zuruft. Von humorigen Sprüchen wie: „Na, auch schon ausgeschlafen?“, über irritiertes Kopfschütteln bis hin zum belehrenden „Es ist bereits Nachmittag, falls Sie das nicht bemerkt haben sollten!“, war alles dabei. Nur ein „Moin“ als Antwort auf meinen Gruß habe ich in all den Jahren nie erhalten.

Ich habe mich also angepasst. Das geht, denke ich, vielen Menschen so, die innerhalb Deutschlands umziehen. So kann ich mir nur schwer einen ostdeutsch geprägten Atheisten vorstellen, der, ein munteres „Grüß Sie Gott“ rufend, durch ein oberbayerisches Örtchen wandert. Aber wenn er nicht ewig ein Fremdkörper in seiner neuen Heimat bleiben möchte, dann wird er nach einigen Monaten oder Jahren den ortstypischen Gruß benutzen, wenn auch zunächst vielleicht nur widerwillig. Atheismus hin oder her. Man muss halt Prioritäten setzen.
Oder nehmen wir den klassischen Handschlag, der in vielen Regionen Deutschlands einfach zur Begrüßung dazugehört. Fragen sie mal in Hamburg nach, was so ein unterkühlter Hanseat davon hält, wildfremden Menschen die Hand zu schütteln. Die verschiedenen Formen des Grüßens oder Begrüßens sind ein weites Feld, doch nicht zu grüßen, um nur ja keinen Fettnapf mitzunehmen, ist auch keine Option.
Aber zurück zum „Moin“ und damit an die Küste. Oft wird die Kürze dieses Grußes ja damit begründet, dass der Küstenbewohner an sich maulfaul und wortkarg sei. Mit dieser Fehleinschätzung muss ich hier einfach einmal gründlich aufräumen. Die Bewohner der nördlichen Gestade sind einfach Pragmatiker. Das zunächst so kurz und harsch wirkende platt- oder niederdeutsche „Moin“ ist nämlich eine der inhaltsreichsten Grußformeln, die wir in Deutschland haben. Ins Hochdeutsche übersetze lautet der Gruß ungefähr so: „Hallo, wie geht es dir? Bei mir ist alles in Ordnung!“ Und die Antwort – das klassische „Moin, Moin“ – meint dann: „Schön, dich zu sehen und dass es dir gutgeht. Bei mir ist auch alles schick. Wünsche dir noch einen schönen Tag!“
Wenn der andere nicht antwortet, was vorkommen kann, gibt es dafür gleich mehrere mögliche Erklärungen: Entweder war der Wind zu stark und er hat das „Moin“ nicht gehört oder es geht ihm tatsächlich nicht gut. Da wäre es dann angebracht nachzufragen. Vielleicht hat er aber auch einfach schlechte Laune, oder fragt sich nur, welcher Dösbaddel ihn da überhaupt gegrüßt hat und vergisst darüber die Antwort. Und schließlich kann es sich ja auch um einen Sprachanfänger handeln, der, kürzlich zugezogen, noch nicht in die Tiefen des norddeutschen „Grußformeltums“ vorgedrungen ist.
Jetzt aber zur eigentlichen Erklärung für die Reduzierung der beschriebenen, inhaltlich komplexen, Grußformel auf das einfache „Moin“: An der Küste ist es oft windig, meistens sogar sehr windig. Nun stellen Sie sich den oben geschilderten Dialog mal zwischen zwei Radfahrern bei Windstärke 10 und prasselndem Regen vor. Was würde wohl beim Gegenüber ankommen, von einer freundlichen, gelängten und wertschätzenden Grußformel? Richtig! Nichts!! Aber so ein schneidiges „Moin“, das dringt selbst durch die festgezurrte Kapuze des Südwesters, und auch für eine Antwort reicht der kurze Moment der Begegnung noch, bevor der eine Radler, geschoben vom Rückenwind, sich mit rasender Geschwindigkeit entfernt, während der andere im Schritttempo weiter gegen den Sturm ankämpft. Oder nehmen wir den Lotsen, der bei aufgewühlter See das Schiff wechselt, den Fischer, der im Hafen anlegt oder auch den Hafenarbeiter, der die Koffer der Touristen in den Containern der Fähre verstaut. Für ein „Moin“ ist es nie zu windig, reicht die Zeit immer aus und kriegt selbst der wortkargste Vorpommeraner noch die Zähne auseinander.
Vielleicht gilt die alte Volksweisheit, dass in der Kürze oft die Würze liegt, aber nicht nur für das norddeutsche Moin. Wenn ich an unser Neues Testament denke, dann war Jesus auch kein Anhänger des großen Rumgeschwafels. Er hat die Sache auf den Punkt gebracht und zur Erläuterung höchstens noch das ein oder andere Gleichnis nachgeschoben.
Ellenlange Litaneien? Stundenlanges Beten? Ich bin mir sicher, dass Gott zuhört, denn er hat unendlich viel Geduld. Ich bin auch davon überzeugt, dass ein solches Gebet dem Beter hilft. Alles gut also. Und trotzdem besitzt für Gott ein kurzes Gebet am Abend, ein Stoßgebet in der Not oder ein ungelenkes Kindergebet mit Sicherheit den gleichen Wert, wie ein kompletter Rosenkranz oder eine Anbetungsstunde. In jedem Fall kommt es auf die gute Absicht des Grüßenden oder Betenden an und nicht auf den Textumfang. Das gilt für den Gruß wie für das Gebet.
Sagen wir also lieber kurz und knapp „Moin“ und meinen damit so viel mehr, als dass wir sinnlos aber wortreich daherreden, ohne wirklich etwas zu sagen oder zu meinen.
 

Mit dem Wind ... lösen sie sich viel zu oft einfach in Luft auf – die Namen meiner Mitmenschen. Während meine Frau nie einen Namen vergisst, schwanke ich täglich orientierungslos durch die mich umgebende Namensvielfalt, baue Eselsbrücken, schreibe mir kleine Notizzettel oder versuche mich an anderen, wissenschaftlich erprobten, Merkstrategien. Doch der Erfolg all dieser Maßnahmen ist überschaubar. So passiert es, dass mir selbst bei guten Bekannten oder Freunden der Name partout nicht einfallen will. Peinlich, aber leider nicht zu ändern. Vorlieben, Eigenschaften, die Lebensgeschichte sind kein Problem. Die verbinde ich fest mit der jeweiligen Person, während deren Name auch gern mal während eines Gesprächs diffundiert.

Ist doch vielleicht nicht sooo wichtig, so ein Name? Auch wenn sich werdende Eltern schon seit tausenden von Jahren neun Monate lang fragen, beziehungsweise von ihrer Umgebung intensiv verhört werden: Wie sollen es denn nun heißen? Recht machen können sie es übrigens in der Regel niemandem. Eltern, Verwandte, Freunde und schließlich nicht selten das Kind, das den gewählten Namen ein Leben lang tragen darf, haben häufig ganz andere Vorstellungen. Dabei sind doch alle Namen, der eine mehr, der andere weniger, Duzendware. Die Menschen dahinter allerdings sind einzigartig. Marion oder Max, Franziska oder Matthias – es gibt sie in rauen Mengen, die Namensträger; als Person aber ist jede, ist jeder einmalig.

Bei den inzwischen immer exzentrischeren Mode- und Fantasienamen fällt mir das Merken im Übrigen etwas leichter. Nicht, weil die schön sind oder so gut passen, aber Vornamen wie Claire-Grube, Diva Thin Muffin Pigeen, oder auch Audio Science Clayton, Jo-Ghurt und King-Cobra prägen sich einfach besser ein, als Anna und Lena. Obwohl das auch nur für den ersten Moment zutrifft. Spätestens, wenn die Claire in der nächsten Grube verschwunden oder der King in sein Reich zurückgekehrt ist, sind auch diese Namen nur noch Schall und Rauch.

Heute Morgen bin ich dann noch über ein weiteres Problem auf dem weiten Feld der Onomastik gestolpert. Nachdem mir meine Frau, die immer recht schnell mit allen „per Du“ ist, von einer Martina erzählte, dauerte es wie so häufig mehrere Minuten, bis ich den Namen mit einer Person in Verbindung bringen konnte. Das lag dann in diesem Fall daran, dass wir inzwischen geschätzte 3-5 Martinas kennen. Gefühlt sind es noch deutlich mehr. Manchmal, wenn ich nicht aus der Erzählung auf die Person rückschließen kann, frage ich auch nach: „Ist das die Martina, die …?“, und werde natürlich umgehend ob meiner geistigen Unflexibilität gerüffelt.

Das finde ich ungerecht! Als klassischer „Siezer“ habe ich das Problem mit der Namensschwemme nämlich deutlich seltener. Gut, bei Meier oder Schmidt empfiehlt es sich, ergänzend auf den Vornamen zurückzugreifen, aber ansonsten bin ich mit meinem „Sie“ und dem Nachnamen definitiv eindeutiger unterwegs. Die Nachnamen der Freundinnen meiner Frau kenne ich übrigens nicht. Die wurden mir einfach vorenthalten und ich damit der Möglichkeit beraubt, zumindest versuchsweise eine personelle Zuordnung vorzunehmen. Die Martinas unterscheide ich deshalb ausschließlich aus dem Erzählzusammenhang heraus und das kann dauern. Für meine Frau natürlich immer viel zu lange.

Wie aber kommen die Menschen in Ländern wie Schweden klar, wo sogar der König geduzt wird? Oder Firmen, zu deren moderner Unternehmensstruktur das „Du“ genauso gehört, wie der Kaffeevollautomat im Gemeinschaftsbüro? Ganz einfach: Sie wenden ein erprobtes Verfahren aus vielen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte an und ergänzen den Namen durch eine Berufsbezeichnung oder ein anderes Attribut. Jacob der Klempner oder Markus aus der IT, Britta aus Köln oder Lisa mit dem Pferdeschwanz. Schwierig wird es natürlich, wenn Lisa sich eine neue Frisur zulegt, Britta umzieht oder ein zweiter Markus in der IT auftaucht.

Sie merken schon: Als „Siezer“ hat man es da leichter! Zugegeben: Ich vergesse Nachnamen nur unwesentlich langsamer als Vornamen und das „Du“ hat den Charme, dass mein Gegenüber nie vermuten würde, dass ich seinen Namen gerade mal wieder nicht auf dem Schirm habe. Aber so eine klangvolle Kombination aus Vor- und Zunamen erhöht meine Erinnerungschancen und damit die Trefferquote um satte 100%. Wenn der Vorname – sei das nun Lena, Martina oder Marion – keinen Treffer in meinem überforderten Gehirn erzielt, dann löst vielleicht der Nachname Prysbilla-Ehrmankraut einen, wenn auch nur schwachen Erinnerungsreflex aus. Zwei Namen, zwei Chancen. Man greift nach jedem Strohhalm!

Mir völlig unverständlich ist übrigens, wie der liebe Gott das regelt. Er kennt jeden von uns besser als wir uns selbst und selbstverständlich auch unsere Namen. Wie sollte er sonst die Schutzengel zielgerichtet zu ihrem jeweiligen Einsatzort schicken? „Geh mal zu Herrn Wang, der fällt sonst gleich die Treppe runter!“ Dieser Auftrag würde jeden Schutzengel komplett überfordern, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Wangs es allein in China gibt. Gott muss also ein besseres, ein unfehlbares ein fantastisches System entwickelt haben, um knapp 10 Milliarden Menschen unterscheiden zu können, zumal er mit einem nicht unerheblichen Teil von ihnen auch noch regelmäßig tiefsinnige und komplexe Gespräche - genannt Gebete – führt. Ich freue mich jetzt schon darauf zu erfahren, wie er das hinkriegt.

Hier und heute bleibt mir nur festzustellen: Gott ist eben Gott, und wir Menschen geben uns zwar die größte Mühe, göttliches Denken und Handeln zu imitieren, scheitern dabei aber schon regelmäßig bei so lächerlichen Dingen wie der Namensgebung. Denn seien wir mal ehrlich: Wer möchte schon ein Leben lang Claire-Grube, Jo-Ghurt oder King-Cobra heißen? Ich nicht!

Mit dem Wind … auf das Wesentliche besinnen! Das wird zu Weihnachten immer wieder angemahnt und ich dachte, das ist der richtige Zeitpunkt, sich einmal intensiver mit den sogenannten „Ansitzeinrichtungen“ zu beschäftigen. Keine Ahnung, was das ist? Aber „Hochsitz“ oder „Jägersitz“ haben Sie sicher schon mal gehört. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Sie auch schon häufiger – meist widerrechtlich – eine dieser hölzernen Aussichtsplattformen erklommen, um die Gegend aus der Vogelperspektive in Augenschein zu nehmen. Vielleicht ging es auch nur um eine Mutprobe, denn häufig sind die Leitern zur Plattform morsch, fehlen Stufen, oder der Hochsitz schwankt und knirscht wenig vertrauenserweckend beim Aufstieg. Wahrscheinlich sind Hochsitze auch die einzigen Bauwerke, die im öffentlichen Raum stehen und ohne Baugenehmigung oder regelmäßige Sicherheitsprüfung, ohne TÜV und Wartungsinterwalle auskommen.

Es gibt aber auch wahre Luxusressorts unter den Hochsitzen, ausgestattet mit Dach, Sitzbank und zahlreichen Ablagemöglichkeiten. In Schweden habe ich sogar schon eine Plattform mit bequemem Bürostuhl und Getränkehalter – vielleicht für das Fläschchen Jägermeister? – gesehen. In der Regel sind die Hochsitze, denen wir in Wald und Flur begegnen, aber doch spartanische, schnörkellose Bauwerke, die mordlustigen und schießwütigen Jägern ermöglichen, ihrer niederen Gesinnung noch effizienter nachzugehen, als dies beim Streifen durchs Dickicht eines dunklen Tannenwaldes möglich wäre. Typen also, die mit ihren reichen Jagdkumpanen prinzipiell angetrunken aus luftiger Höhe auf unschuldige Rehe und Wildschweine ballern, Hasen nur deshalb verschonen, weil die zu klein sind und nach erfolgtem Weidwerk ihre Trophäen in Form von Zwölfendern zu Hause an die Wand nageln.   Einseitige Betrachtungsweise? Aber sicher! Klischees? Immer gern! Und deshalb wechseln wir hier einfach mal die Perspektive. Warum? Weil wir es können!

Stellen wir uns doch einfach mal die unglaubliche Ruhe an einem frühen Samstagmorgen auf einer Waldlichtung vor. Der Jäger sitzt mit einer Thermoskanne Kaffee und dick eingemummelt gegen die aufsteigende Dezemberkälte auf seinem Hochsitz. In einiger Entfernung weidet das Rotwild. Der Schnee, der Wald und Feld bedeckt, glitzert im letzten Licht einer sternenklaren Nacht, bevor sich – viel, viel später – die ersten Strahlen einer unausgeschlafenen Wintermorgensonne zeigen. Es ist still. Unser Jäger hat, wie an so vielen anderen Tagen, die Flinte längst an die Rückwand des Hochsitzes gelehnt. Er sitzt nur da, staunt und genießt jeden Augenblick dieser frühen Morgenstunde. Die anstrengende Arbeitswoche? Schnee von gestern! Die Gedanken über den anstehenden Weihnachtsstress? Ganz weit weg!

Diese Zeit der Ruhe und Kontemplation in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden auf dem Hochsitz ist es, warum er damals seinen Jagdschein gemacht hat. Wie hätte er denn sonst der Familie oder seinen Freunden erklären sollen, warum er zu nachtschlafender Zeit viele Stunden auf einem klapprigen Hochsitz verbring? Die hätten ihn doch alle für verrückt erklärt!

Als die erste Morgenröte sich gemächlich am Horizont breitmacht, packt unser Jäger seinen Rucksack schultert das Gewehr und macht sich durchgefroren aber glücklich auf den Heimweg. Seine Familie kennt das schon, wenn er, die Tüte mit frischen Bäckerbrötchen im Rucksack anstatt einem erlegten Rehbock auf der Ladefläche des Pickups, lächelnd und mit sich und der ganzen Welt im Reinen nach Hause kommt. Was für ein schöner Start ins Adventswochenende!

Schaffen wir das auch? Gelingt es uns, die Flinte in die Ecke zu stellen, die Vorweihnachtszeit nicht als Stress, sondern als das wahrzunehmen, was sie eigentlich ist – eine Zeit der Erwartung, der Vorfreude, des Innhaltens? Gar nicht so einfach, denn in unserem Alltag fehlt uns viel zu häufig ein einsamer Hochsitz in den frühen Morgenstunden, ein ruhiger Angelplatz am See, eine geöffnete und einladende Kirche und nicht zuletzt die Zeit, die Muße, der Abstand fürs Wesentliche.

Das Kind in der Krippe ist so klein und unscheinbar und doch so unendlich wichtig für unser Sein! Schärfen wir also unseren Blick und nehmen wir uns die Zeit; dann erkennen wir, wie wesentlich Gott für uns und unser Leben ist.

Mit dem Wind ... wird es heute mal ganz persönlich. Der 9. November ist nicht nur für die deutsche Geschichte ein wichtiger Tag; ich habe mir dieses Datum vor vier Jahren ganz bewusst für meine unumgängliche Herz-OP ausgesucht. Tja, mein Herz! An diesem Tag, der früh am Morgen im Operationssaal der Herzchirurgie begann, hatte mein Herz fast einen Urlaubstag. Während der Stunden, die die Operation dauerte, war ich an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und mein wichtigster Muskel hatte Feierabend. Dementsprechend unwillig stelle er sich auch an, als er zum Ende der Operation wieder übernehmen sollte. Wer lässt sich schon gern nach Feierabend vom Sofa und zurück an die Arbeit holen? Prinzipiell hatte ich deshalb auch durchaus Verständnis dafür, dass mein Herz einige nachdrückliche Ermahnungen und etwas Anschubhilfe durch die Ärzte benötigte, um wieder selbstständig zu schlagen. Froh bin ich aber schon, dass es sich schließlich einsichtig gezeigt hat.

Und dann? Irgendwie muss mein Herz sein Alter im Zuge der Operation völlig vergessen haben. Es schlug danach so schnell wie bei einem Säugling kurz nach der Geburt, machte Sprünge und Hopser vor lauter „Wieder-lebens-freude“ und brauchte Monate, nein Jahre, um sich darauf zu besinnen, dass es ja schon 50 Jahre auf dem Buckel hat und damit nun wahrlich kein junger Hüpfer mehr ist.

Am Herz hing allerdings noch mein restlicher Körper, inklusive Gehirn. Schläuche und diverse Zugänge gab es da natürlich auch, und mein Allgemeinzustand war doch arg lädiert, meinte zumindest meine Frau. So ein Restart, der am PC ganz einfach mit dem „Affengriff“ oder anderen kleinen Kniffen durchgeführt werden kann, hat es tatsächlich in sich. Ich habe in den Monaten nach der OP öfter über die Redewendung „sich wie neugeboren fühlen“ nachgedacht. Das sagt man so einfach daher, dabei wissen wir gar nicht, wie das eigentlich war – geboren zu werden. Das Gehirn ist bei der Geburt längst noch nicht ausreichend entwickelt, um sich später an diese erinnern zu können, und ich bin absolut sicher, dass die Natur das sehr weise so eingerichtet hat. Wenn sich „geboren werden“ ungefähr so anfühlt wie meine Wiedergeburt nach der Herzoperation, dann will man sich da wirklich nicht daran erinnern!

Schmerzen hatte ich keine. Die wurden durch Unmengen von schmerzstillenden Substanzen, die meinem Körper über verschiedene Leitungen zugeführt wurden eliminiert. Allerdings war mein Gehirn komplett überfordert. Als nicht benötigte Schaltzentrale hatte es während der OP ebenfalls den Betrieb eingestellt und versuchte jetzt, alle Synapsen wieder richtig zu verdrahten. Mit zunächst durchaus mäßigem Erfolg. Wirre Alpträume überfielen mich sofort, wenn ich die Augen schloss, Erinnerungsblitze zuckten durch das Unterbewusstsein, wurden kombiniert mit surrealen Bildern und das alles in der rasenden Geschwindigkeit einer Achterbahnfahrt mit integriertem Mehrfachlooping. Augen zu und los ging der wilde Ritt durch Raum und Zeit! Die Augen zu öffnen war allerdings auch nicht immer eine gute Idee. Am dritten Tag nach der OP übte sich nämlich in einem solchen Moment die fürsorgliche Krankenschwester im Kopfstand und brachte mir in dieser Haltung einen Tee, ohne ihn zu verschütten. Ein andermal wurde die Verbindung zwischen Sehnerv und Gehirn nicht nur gestört, sondern komplett unterbrochen. Plötzlich blind zu sein war auch eine Erfahrung, die man sich nicht wünscht.

Inzwischen ist aber alles wieder im Lot. Auch die Krankenschwester! Und fest steht für mich: Wenn so eine kleine Wiedergeburt schon solch traumatische Erlebnisse vermittelt, dann bin ich unglaublich froh, mich – wie alle anderen Menschen – nicht an meine richtige Geburt erinnern zu können.

Jetzt aber doch noch einen Schritt weitergedacht – und da wären wir dann mitten im November, mit den Festen Allerheiligen, Allerseelen oder auch dem Totensonntag: Wenn Gott uns so gut vor dem traumatischen Erlebnis der eigenen Geburt abschirmt, wenn wir völlig unbelastet von diesen Minuten oder auch Stunden ins Leben starten können, vielleicht dürfen wir dann auch darauf vertrauen, dass er die Sache mit dem Ende, dem Tod, ebenso perfekt arrangiert hat? Fragen können wir ja niemanden, aber ich habe mir inzwischen fest vorgenommen: Augen zu und durch! Wie bei der Geburt. Und fest darauf vertrauen, dass Gott in seiner Liebe und Weisheit das richtige Sedativum zur Hand hat, um mir den Übergang zu erleichtern.

Übrigens: Wenn ich inzwischen mein Herz klopfen höre, dann gerate ich nicht mehr in Panik. Stattdessen freue ich mich, dass es sich bemerkbar macht, sage ihm freundlich „Hallo“ und danke ihm jeden Tag, dass es so zuverlässig und treu seinen Dienst verrichtet. Und vielleicht belanglose Floskeln wie die „herzlichen Grüße“ oder jemanden „von Herzen liebhaben“ haben für mich heute eine viel tiefere Bedeutung als noch vor wenigen Jahren. Wir alle haben ein Herz, das uns treu dient – von der Geburt bis zum Tod. Wir sind nie „herzlos“, solange wir leben. Daran sollten wir täglich denken und unser Verhalten, unser Handeln danach ausrichten.

Mit dem Wind ... ist er ganz plötzlich wieder da, der „Schattenmonat“ Oktober! Schatten? Oktober? Ist denn die Frage, ob man im Café lieber im Schatten oder in der Sonne sitzen möchte nicht eher im Juli oder August angebracht? Zumindest sind das die Monate, in denen meine Frau und ich selten einer Meinung sind, wenn es um den besten Sitzplatz geht. Sie Schatten und ich Sonne. Daran hat sich in den letzten 29 Jahren nichts geändert. Wie gut, wenn beides vorhanden ist. Wobei ich mich regelmäßig benachteiligt fühle. Für Schatten kann man leicht durch einen gut platzierten Schirm, einen Sonnenhut oder auch eine Pergola sorgen. Aber wer sorgt für Sonne, wenn am Himmel wieder einmal dicke Wolken ihr Unwesen treiben? Die Welt ist so ungerecht – und immer auf Seiten meiner Frau!

Aber zurück zum Oktober und den langen Schatten, die von der tiefstehenden Sonne an einem wolkenarmen Tag wie aus dem Nichts auf den Boden gezaubert werden. An einem schönen Frühherbstnachmittag ist es meist soweit: Freundlich grüßend fährt auf einer Feierabendfahrradrunde mein Schatten neben mir. Überholt in der nächsten Kurve oder bleibt bescheiden zurück, wenn die Straße sich in die entgegengesetzte Richtung windet. Ein treuer Begleiter, kein Gegner, der mir davonradelt. Fest verbunden mit mir und meinem Rad folgt er mir durch Dick und Dünn, bergauf und bergab – bis zur nächsten Wolke. Dann ist er ganz plötzlich verschwunden, nur um Sekunden später in einer Wolkenlücke wieder vor, hinter oder neben mir aufzutauchen. Aus einer einsamen Ausfahrt wird so eine gemeinsame Tour durch die Herbstsonne. Wenn ich dem Schatten zuwinke, dann winkt er freundlich zurück, wenn ich an einer Steigung aus dem Sattel muss, dann schließt er sich ungefragt an. Eigentlich schön, denn so ein Schatten stört auch nicht die wunderbare Stimmung einer solchen Spätherbstrunde durch lautes Herumquatschen oder neugierige Fragen. Und die Entscheidung, in welche Richtung es gehen soll überlässt er gerne mir.

Einen Nachteil aber hat dieser Schatten, der da im Herbst so urplötzlich neben mir auftaucht. Er zeigt mir jedes Mal, dass ich wie ein nasser Sack auf meinem Rad sitze. Und was meine Frau mit all ihren Ermahnungen und gut gemeinten Hinweisen auf meine schlechte Haltung nie schafft, das gelingt diesem Schattenbild sofort: Ich drücke den Rücken durch, strecke mich, nehme Haltung an. Sieht gut aus der Mann! Fast wie ein Profi bei der Tour de France! Ein Bild von einem Rennradler! Aber spätestens nach einer halben Minute hoffe ich inständig, dass mich eine freundliche kleine Wolke erlöst und ich, unzensiert von meinem gnadenlosen Schatten, wieder in eine komfortable „Sackposition“ zusammensinken kann.

Mit der Entspannung ist es vorbei und der weitere Verlauf der Tour vorherbestimmt. Bei jeder Wolkenlücke heißt die Devise: Bauch einziehen, aufrichten, Schultern zurück! Der scheinbar so unselbstständige Schatten hat das Kommando übernommen und lässt sich, ein weiteres zunehmend lästiges Phänomen, auch nicht einfach abschütteln. Letztendlich hilft da nur der Schwenk in einen schattigen Waldweg, um die von der ungewohnten, orthopädisch korrekten Haltung schwer gebeutelten Muskeln und Sehnen nachhaltig zu entlasten. Denn hier verliert der Schatten urplötzlich die Kontrolle und muss hilflos mit ansehen, wie sein Erziehungsprogramm mal wieder gescheitert ist.

Haltung zeigen, Haltung bewahren. Das kleine Schattenspiel auf dem Rad zeigt deutlich, wie schwer uns das oft fällt. Wie gern lassen wir uns zurücksinken in unsere Komfortzone, obwohl wir wissen, dass das der falsche Weg ist. Wir lassen Probleme ungelöst liegen, in der Hoffnung, dass sich das alles schon irgendwie regelt. Wir beziehen nicht Stellung, aus Angst vor Unbequemlichkeiten, Gegenwind oder Ärger. Stattdessen bewundern wir viel lieber Menschen, denen die Haltung anscheinend in die Wiege gelegt wurde, die offensichtlich gar nicht anders können und uns das leidige und anstrengende Haltungsproblem durch ihr Engagement ersparen.

Zugegeben: Der unbarmherzige Schatten, der mir gestochen scharf meine Haltungsschwäche zeigt, der ist nicht unbedingt mein Freund. Aber stolz bin ich schon, wenn ich mal einen oder zwei Kilometer meine Haltung auf dem Rad bewahre. Sieht auch wirklich besser aus, tut den Knochen auf Dauer gut und steigert – auch das weiß ich ja – die Leistungsfähigkeit.

Haltung lohnt sich! Immer! Und es ist nie zu spät, eine gute, eine liebevolle, eine „menschenwürdige“ Haltung zu entwickeln.

Ich wünsche mir an vielen Stellen und in den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft mehr Mut, Energie und den klaren Willen, Haltung zu zeigen. Als Christen sollte uns das nicht schwerfallen, mit dem Blick auf Jesus, der selbst am Kreuz Haltung bewahrt und zu seinen Überzeugungen gestanden hat. Soweit müssen wir es sicher nicht kommen lassen. Aber ein wenig mehr unbequeme Zivilcourage, das könnten, das sollten – nein das müssen – wir uns leisten!

Ich wünsche mir an vielen Stellen und in den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft mehr Mut, Energie und den klaren Willen, Haltung zu zeigen. Als Christen sollte uns das nicht schwerfallen, mit dem Blick auf Jesus, der selbst am Kreuz Haltung bewahrt und zu seinen Überzeugungen gestanden hat. Soweit müssen wir es sicher nicht kommen lassen. Aber ein wenig mehr unbequeme Zivilcourage, das könnten, das sollten – nein das müssen – wir uns leisten!

Mit dem Wind … und zwischen dem Strom. Zwischen dem Strom? Naja, genau genommen neben beziehungsweise unter den Strommasten. Kenne Sie nicht mehr? Ich meine diese Masten, an denen ich die Stromleitungen in langen Wellen viele Kilometer über Felder und durch Wälder wiegen. Weniger die großen Überlandmasten, Stahlkolosse von immenser Höhe, die durch das Brummen der Starkstromleitung an ihrer Spitze nicht zu Unrecht eine furchteinflößende Atmosphäre verbreiten. Vielmehr meine ich die kleinen Holzmasten, die es auf Usedom und in anderen, eher ländlichen Gebieten noch gibt, weil sich die unterirdische Verlegung der Stromtrasse für die Betreibergesellschaft nicht rechnet.

Im Herbst dienen die schwarzen Leitungen, die sich in geringer Höhe von Mast zu Mast schwingen, den zahlreichen Zugvögeln als Startrampe in den Süden. Zu Hunderten besetzen sie die Leitungen, umkreisen die Masten und warten auf das Signal zum Aufbruch – von wem auch immer das kommen mag. Oft frage ich mich, wo sich all die reisefertigen Zugvögel ohne die schwarzen Leitungen zum Abflug verabreden würden. In einem großen Baum, auf Hausdächern oder an der Spitze eines Krans auf der Peenewerft? Auf alle Fälle müsste im Schwarm wahrscheinlich intensiv über eine neue Startbahn nachgedacht werden.

Gegen Ende des Sommers und bevor die große Reisewelle der Zugvögel einsetzt, sind die besagten Leitungen aber nur spärlich besetzt. Hier ein Spatz, dort eine Krähe und auch vereinzelte Schwalben oder Stare, die sich in luftiger Höhe in den spätsommerlichen Sonnenstrahlen räkeln. Aber was machen die da auf der Leitung? Nun gut, die Schwalben und Stare haben wahrscheinlich Angst, den Abflug zu verpassen, sind vielleicht neurotische „Zufrühkommer“ oder notorische Drängler. Aber die anderen Vögel, die den Winter über auf der Insel bleiben, was wollen die da oben auf der Stromleitung? Vielleicht auch einmal das Gefühl von Freiheit und Abenteuer genießen? Von einem langen Flug in den Süden träumen, vom Dolce Vita an den Stränden Italiens, lauen Winterabenden an der Costa Brava oder gar einem entspannten Cluburlaub an der Küste Nordafrikas? Alles viel besser als das nasskalte Winterhalbjahr an der stürmischen Ostsee, das leidige Futterproblem, wenn der Schnee die letzten Beeren und Körner verschwinden lässt, oder die mühsame Suche nach einem trockenen und nicht zu zugigen Plätzchen für die Nacht. Aber da sind ja der weite Weg und die Sprachhürde und dazu vielleicht als einziger Spatz in einem Schwalbenschwarm… . Dann doch lieber noch eine Runde im Wind schaukeln und auf einen milden Winter hoffen!

Oder nehmen die vereinzelten Vogel-Knubbel auf der Leitung nur einen gaaanz langen Anlauf in den Tag? Vor und zurück, vor und zurück, vor – und los! Oder doch noch nicht? Vielleicht hängt der ein oder andere gefiederte Leitungsschwinger aber auch einfach nur erschöpft ab, lässt nach zwei oder drei anstrengenden Brutgeschäften die Seele im lauen Ostseewind baumeln und will nur noch eines: seine Ruhe!So, oder so ähnlich stelle ich mir die Gedanken unserer einheimischen Vogelvertreter auf der großen Startrampe in den Süden vor.

Und merken Sie etwas? Haben Sie schon einmal die Insulaner gegen Ende der Saison genauer betrachtet, wenn sie vereinzelt in der Masse der abreisenden Gäste langsam wieder zum Vorschein kommen? Abgezehrt, den müden Blick verträumt in die Ferne gerichtet, den leicht schwankenden Schritt ziellos ins Nirgendwo gesetzt.

Das Brutgeschäft in diesem Sommer war tatsächlich wieder unglaublich anstrengend! Aber jetzt sind sie flügge, unsere Touristen. Gut erholt, sonnengebräunt und zurück auf dem Weg in ihre Heimat. Dazu mit allem versehen, um die anstrengenden Monate bis zum kommenden Sommer gut und erfolgreich zu meistern. Und zurück bleiben die Insulaner. Erschöpft, aber zufrieden, ihren Job erledigt zu haben. Wenn Sie könnten, würden sie sicher gemütlich auf einer der schwarzen Stromleitungen im Wind schaukeln. Aber sie finden – und das weiß ich sicher – auch andere Möglichkeiten, die Seele baumeln und die Saison ausklingen zu lassen. 

 

Mit dem Wind ... endlich mal alles in Ordnung gebracht! Das zumindest muss sich der Landwirt gesagt haben, als er seine Maispflanzen ordentlich in schier endlosen Reihen auf dem Feld eingepflanzt hat. Da tanzt keine aus der Reihe, und Bewegung bringt höchstens das ein oder andere Mäuschen zwischen die Legionen ordentlich ausgerichteter Jungpflanzen. Gestern erst bin ich an so einem Feld vorbeigekommen.

Irgendwann war dann aber Schluss mit Mais und ein wogendes Roggenfeld brachte etwas Abwechslung in die landschaftliche Eintönigkeit. Auch hier herrschte erkennbar eine gewisse Grundordnung. Die Halme ließen sich willig vom Wind in dieselbe Richtung biegen. Sanft schwangen sie im Gleichklang wie die Dünung auf der Ostsee hin und zurück. Kein Halm überragte dabei die anderen. Gerade so, als hätte ein ordnungsliebender Friseur einen riesigen Rasierer angesetzt und dem ganzen Feld einen radikalen Bürstenschnitt verpasst.

Obwohl: Die ein oder andere freche blaue Kornblume und immer mal wieder eine vorwitzige rote Mohnblüte durchbrachen nicht nur farblich die goldbraune Uniformität des Feldes, sie hielten sich auch nicht an die scheinbar verordnete Einheitsgröße. Drüber und drunter setzten sie ihre Farbakzente und boten gleichzeitig dem orientierungslosen Auge Halt. Schön so ein Feld, das scheinbar ordentlich, aber auf den zweiten Blick doch alles andere als eintönig daherkommt.

Aber da gab es auch noch ein drittes Feld, gleich neben dem Roggen und kurz vor dem Abzweig nach Sauzin. Ordnung war hier nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Hier ballte sich in wirren Haufen Heu, das, wohl am Vortag abgemäht und inzwischen getrocknet, vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, wie die Haare der Urlauber auf der Zinnowitzer Seebrücke.

Was für ein Chaos! Das müssen zumindest die Maispflanzen bei diesem Anblick gedacht haben und auch die Ähren des Roggenfeldes waren sicher der Ansicht, dass bei aller Toleranz ein wenig mehr Ordnung doch wohl angebracht sei. Schließlich kann auch in der Natur nicht alles völlig aus dem Ruder laufen. Wo kämen wir denn da hin?!

Hier Ordnung, da Chaos – hier Gleichklang, dort Disharmonie. Wie wunderbar, dass uns die Natur so viele lebensnahe Impulse liefert! Wäre doch herrlich, wenn unser Leben so geordnet verlaufen würde, wie uns das die wohlgeordneten Maispflanzen vormachen. Stressfrei, gut sortiert, alles an seinem Platz.

Zu langweilig, eintönig und dröge? Na gut, dann wenigstens ein Leben wie im Kornfeld. Harmonie mit kleinen Farbtupfern; bunten Highlights, die Abwechslung ins Leben bringen, ohne die harmonische Grundstimmung zu beeinträchtigen. Das wäre tatsächlich schön!

Und die Realität? Die ist in der Regel so ganz anders. So gleicht unser Leben nur selten einem wohlgeordneten Mais- oder einem harmonischen Kornfeld. Stattdessen bewegen wir uns mehrheitlich zwischen chaotischen, unsortierten, wirren Heuhaufen. Nie weiß man, welcher Halm einem als nächstes in die Quere kommt, durch welchen Haufen man sich gleich wieder wühlen muss oder welche Windbö das ganze Leben von einem Moment zum nächsten so richtig durcheinanderwirbelt.

Und während der Landwirt mit Sicherheit vor dem nächsten Gewitter das lose Heu in großen, gerollten Ballen zumindest in eine Art Grundordnung bringt, müssen wir mit den Heuhaufen unseres Lebens alleine klarkommen. Da gibt es niemanden, der für uns aufräumt, unser Leben in Ordnung bringt, uns gut verpackt vor Unheil bewahrt, bei Hitze bewässert oder Schädlinge von uns fernhält.

Ein Grund zu verzweifeln? Keineswegs! Wir haben zwar niemanden, der alles für uns regelt und passend macht, aber für uns als Christen ist das auch gar nicht prioritär. Im Gegenteil: Regeln haben wir von unserem „Chef“ durchaus bekommen, die uns das Leben mit- und füreinander um so Vieles leichter machen würden. Dazu gab es im Paket aber auch die Freiheit, mit diesen Regeln verantwortlich und gut umzugehen. Tun wir das, auch wenn es manchmal ein wenig mühsam ist! Und genießen wir dabei die Eigenverantwortung im Heuhaufen, das ungeordnete „Kollektiv“ und die Beweglichkeit in Gedanken und Taten, die uns als Menschen so besonders macht.

Und allen, die sich trotzdem nach einem geordneten oder auch verordneten Leben sehnen sei gesagt: Ordnung ist das halbe Leben, aber wer will schon auf die ganze wunderbare andere Hälfte verzichten?

Mit dem Wind   war alles besetzt! Nein, hier geht es heute nicht um die Strandkörbe am Hauptstrand von Zinnowitz, die besten Handtuch-Plätze ganz vorn an der Wasserlinie oder die hinteren Kirchenbänke im Sonntagsgottesdienst. Aber besetzt waren sie trotzdem alle, die Nistkästen im Garten unseres Ferienhauses. Letzte Woche war ich dort, um den Rasen zu mähen und danach gemütlich im Liegestuhl mit einer Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen die Ruhe zu genießen.

Ruhe? Von Ruhe konnte keine Rede sein! Ahnungslos hatte ich meinen Liegestuhl genau zwischen drei unserer Nistkästen aufgestellt. Und da tobte das Leben oder besser gesagt die Meisen! Ein Flugverkehr wie am Frankfurter Airport zur Rushhour. Erstaunlich eigentlich, dass es zu keinen Kollisionen kam, so ganz ohne Fluglotsen und Leitsystem.

Eine Weile sah ich den Flugkünstlern von meinem Logenplatz aus gespannt zu und – da gab es einiges zu entdecken! Während im Kasten am Holzschuppen die Vogeleltern im Minutentakt ein- und ausflogen, ging es im Kasten auf der Veranda erheblich ruhiger zu. Und im Garagenkasten wurde scheinbar nur gechillt. Dort wechselte sich das Vogelpärchen höchstens alle 20 Minuten ab. Manchmal scheiterte die Landung im Kasten sogar daran, dass das andere Elternteil noch faul im Kasten saß – so zumindest mein erster Verdacht. Aber konnte das wirklich sein? Gibt es tatsächlich einfach richtige Rabeneltern, die ihren Nachwuchs auf Diät setzen nur, weil sie zu faul sind, für Futternachschub zu sorgen?

So richtig konnte ich mir das nicht vorstellen. Also hieß es ausharren auf der Liege, noch drei Tassen Kaffee trinken, das zweite Stück Kuchen und die restlichen Kekse verdrücken, beobachten und nachdenke. Und ob es jetzt am Zuckerschock oder meinem stark erhöhten Koffeinspiegel lag: Ich habe das Rätsel gelöst!

Das scheinbar oberfaule Vogelpärchen an der Garage hatte noch gar keinen Nachwuchs. Das kuschlige Nest war gebaut, die Eier gelegt und die Eltern teilten sich das Brutgeschäft. Bei den ebenfalls noch relativ entspannten Vogeleltern, die den Kasten an der Veranda bezogen hatten, war der Nachwuchs gerade geschlüpft und dementsprechend noch relativ bescheiden in seinen Ansprüchen, was die Menge der heranzuschaffenden Nahrung betraf. Die vermeintlichen Hektiker am Holzschuppen allerdings hatten im Nest mit Sicherheit einen Haufen halbwüchsiger Schreihälse mit riesigem Hunger.

These aufgestellt und überprüft! Nein, natürlich nicht, indem ich ans Häuschen geklopft und die Vogeleltern interviewt habe. Nachschauen verbot sich ebenfalls von selbst. Es reichte aber völlig aus, neben den Augen einen zweiten Sinn einzusetzen und mal ganz vorsichtig an den drei Kästen zu lauschen. Im Garagenkaste herrschte schläfrige Stille, während an der Veranda ein zaghaftes Rumoren aus dem Kasten drang. Am Holzschuppen war dagegen schon aus der Entfernung zu hören, dass der Nachwuchs nicht nur großen Hunger, sondern auch schon einen ganz schön frechen Schnabel hatte. Annahme bestätigt und Forschungsprojekt beendet, könnte man annehmen.

Der Nachmittag im Garten hat bei mir aber nachgewirkt. Nicht nur, dass mir die Menge an Kaffee und Kuchen schwer im Magen lag – vielmehr ist mir aufgefallen, wie schnell wir immer wieder mit Schubladen zur Hand sind, ohne nach dem Warum zu fragen. Natürlich haben wir nicht die Zeit, allem auf den Grund zu gehen. So viel Kaffee, Kuchen und Liegestuhlzeit steht uns nicht zur Verfügung. Aber vielleicht sollten wir dann Vorgänge, Menschen und Verhaltensweisen auch weniger vorschnell bewerten oder verurteilen.

Und eine zweite Einsicht verdanke ich der kleinen Vogelkunde in der Einflugschneise: Alles hat seine Zeit und seinen Ort. Auch wenn es manchmal schwerfällt sollten wir versuchen, öfter im Hier und Jetzt zu leben. Das brütende Vogelpärchen weiß ganz genau, dass der Stress bald beginnt und genießt die Ruhe vor dem Sturm. Die Jungeltern versorgen den Nachwuchs noch mit gebremstem Tempo und haben dadurch später ausreichend Kraft, die Horde der Halbstarken im Dauereinsatz zu verpflegen, denn da heißt es dann wirklich nur noch „Augen zu und durch“. Wir dagegen schaffen es viel zu oft nicht, zur Ruhe zu kommen, angesichts der vielen Dinge, die zukünftig unseren vollen Einsatz erfordern.

Machen Sie doch einfach regelmäßig mal den gemütlichen Brüter! Nicht nur, aber besonders im Urlaub in St. Otto.

Der Nachmittag im Garten hat sich für mich also richtig gelohnt, trotz verrenktem Magen. Zwei Einsichten und schließlich eine dankbare Erkenntnis: Bin ich froh, dass ich keine Kohlmeise bin! Zweimal Nachwuchs in einem Sommer großziehen und danach kommt dann schon wieder der nächste kalte und futterarme Winter! Ich möchte nicht tauschen und gelobe feierlich, dass ich mich nie mehr darüber beklage, wie anstrengend Rasenmähen ist.

Mit dem Wind ... hilft nur noch ein Wunder! So hat das eine Mitarbeiterin dieser Tage in Anbetracht der Corona-Pandemie formuliert. Ja, ein Wunder wäre nicht schlecht. Aber das müsste schon etwas umfangreicher ausfallen. Ein lokal begrenztes, diffuses Wünderchen mit abgeschwächter Wirksamkeit reicht da nicht aus. Das sehen wir schon an den Impfstoffen. Was wir brauchen ist ein stattliches, weltumspannendes, ausgewachsenes Wunder. Ein Wunder, das für alle Kontinente, alle Länder, alle Menschen gleichermaßen zur Verfügung steht, das hilft, das Hoffnung schenkt, das Zukunft verheißt!

 Aber woher kriegt man so auf die schnelle ein wirkungsvolles Wunder? Und reicht eines überhaupt aus, angesichts der zahlreichen Katastrophen, die die Welt an so vielen Stellen heimsuchen, ja teilweise seit Jahrzehnten plagen und Millionen von Menschenleben kosten? Und – auch das muss man sich fragen – haben wir überhaupt ein Recht, einen Anspruch auf so eine Wunder-Tüte, wenn wir doch für die allermeisten Katastrophen selbst die Verantwortung tragen? Und schließlich: Wie verhindert man, dass so ein Wunder nicht wieder nur den Privilegierten, den „Besserverdienern“, denen, die immer auf der Gewinnerseite lauern, zur Verfügung steht?

 Fragen formulieren ist immer einfach, aber wer gibt die Antworten? Zur Thematik „Wunder“ möchte ich an dieser Stelle auf den „Wunderbeauftragten“ der katholischen Kirche verweisen. Im Nebenjob ist er auch für die anderen christlichen Kirchen zuständig. Seine Kollegen aus der Abteilung Wunder widmen sich den übrigen Weltreligionen, denn – das steht fest: Ohne Wunderbeauftragten funktioniert keine Glaubensgemeinschaft auf dieser Erde.

 Damit hätten wir die Verantwortlichkeit also schon mal geklärt. Das ist ja immer besonders wichtig für uns Menschen. Aber jetzt wird es schwierig. Es gibt nämlich keinen Rechtsanspruch auf ein Wunder. Wir können das Fehlen eines in unseren Augen dringend benötigten kleinen oder großen Wunders nirgendwo einklagen. Auch die über viele Jahrtausende Menschheitsgeschichte praktizierte Form des Opferns hatte keinen nachweislichen Einfluss auf die Häufigkeit oder das Eintreffen von Wundern im Allgemeinen.

 Wir können keine Wunder erzwingen, einfordern oder gar planen. Wunder passieren. „Wunder gibt es immer wieder …“, heißt es im Schlager – aber selbst der verweist darauf, dass sie „heute oder morgen“ geschehen können und legt sich dabei nicht fest. Unser Wunderbeauftragter lässt sich eben nicht in die Karten schauen, beeinflussen oder gar zum Handeln zwingen, und das ist gut so. Denn wenn wir Menschen wüssten, auf welche Art und Weise man bei Bedarf günstig an ein Wunder gelangen könnte – wir würden mit diesem Wissen genauso unverantwortlich umgehen, wie mit so Vielem, das uns anvertraut wurde. Das einzige unverwechselbare Merkmal, das alle Wunder eint, ist die Tatsache, dass sie immer, aber auch wirklich immer, unerwartet eintreffen. Darauf kann man sich verlassen!

 Jetzt also die Hände in den Schoß legen und verzweifeln, weil wir so gar nichts tun können, damit ein dringend benötigtes Wunder endlich eintrifft? Völlig falsche Entscheidung! Das Gegenteil ist der Fall. Weil wir nicht wissen, wann uns – und ob überhaupt – ein Wunder unterstützend zu Hilfe eilt, ist es wichtig, dass wir handeln. So viele Dinge, die auf dieser Erde in die falsche Richtung laufen, ließen sich bequem durch ein Wunder erledigen. Das Leben ist aber nicht bequem, und der Wunderbeauftrage ist auch kein Wellnessmanager, dessen Job es ist, uns das Leben so einfach und angenehm wie möglich zu gestalten. Er will – und davon bin ich fest überzeugt – dass wir uns selber anstrengen, um aus dieser Welt eine bessere zu machen. Er verspricht uns nicht den Himmel auf Erden, den wir uns so oft wünschen, sondern erwartet vollen Einsatz. Für das Gute, für seine Sache, für unsere Mitmenschen, für die Schöpfung. Wenn er den sieht – und auch daran glaube ich ganz fest –, dann schickt er auch mal ein Wunder auf den Weg. Vielleicht nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben, und oft auch völlig unbemerkt, aber in jedem Fall sitzt er nicht in seinem Büro, spitzt Bleistifte an und lässt uns wunderfrei in Hoffnungslosigkeit verfallen.

 Lassen Sie uns also aktiv und hoffnungsfroh in die Zukunft blicken und tatkräftig anpacken, wo es um die gute Sache geht. Wunderbar, wenn uns dann so ein unerwartetes Wunder zur Seite springt. Wenn nicht, dann ist unser Wunderbeauftragter mit Sicherheit gerade an einer anderen Stelle seiner Schöpfung gefordert. Darauf können wir vertrauen.

 In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen wunderbaren Mai! Und halten Sie die Augen und Ohren offen, für all das Schöne, das Gott uns schenkt: Denn …

 „Wunder gibt es immer wieder,

wenn sie dir begegnen

musst du sie auch sehn.“

                                                                                                   Katja Ebstein/“Wunder gibt es immer wieder“ 

Mit dem Wind …  einfach alles hinter sich lassen! Das geht ganz prima, wenn der Wind mal so richtig von hinten schiebt. 30 oder auch 40 km/h sind dann auch auf dem nicht motorisierten Fahrrad überhaupt kein Problem. Ein herrliches Gefühl, wenn die Landschaft förmlich an einem vorbeifliegt und alles, aber auch wirklich alles hinter einem zurückbleibt: Der Ärger des Tages. Die ganzen unerledigten Dinge, die Alltagssorgen, üble Krankheiten und Viren. Einfach all die Dinge, die uns im Leben so oft runterziehen, ausbremsen, den Tag vermiesen. Alles fällt wie weggeblasen von einem ab, wie der Kokon einer Raupe oder die Eierschale, die das Osterküken hinter sich lässt. Schon erstaunlich, wie einfach man dem ganzen Ballast davonradeln kann, der einem normalerweise bleischwer an Körper, Geist und Seele zu hängen scheint

Und wenn man schließlich anhält? Kommt dann alles einfach zurückgeschwappt? Holt uns der hauseigene Problem-Müllberg wieder ein oder begräbt er uns gar wie eine Monsterwelle unter sich, um uns für unseren Fluchtversuch zu bestrafen? Denn abgeschüttelt, das wissen wir, haben wir die Probleme auf dem Rad nicht. Dafür ist auch der stärkste Rückenwind zu schwach.

Ist also dieses wunderbare Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit im Moment des Anhaltens nur noch ein laues Lüftchen in unseren Erinnerungen? Nein! Auf eine ganz eigentümliche und unerklärliche Weise wirkt der Rückenwind nach, beflügelt uns manchmal sogar beim Lösen einzelner Probleme und lässt andere längst nicht mehr so bedrückend und übermächtig erscheinen. Schließlich hat man sie ja unterwegs ganz prima abhängen können. Zumindest für eine Weile. Und wenn das auf dem Rad mit so einem bisschen Rückenwind gelingt, dann kann es doch auch nach dem Anhalten und Absteigen nicht so schwer sein, die Dinge besser in den Griff zu bekommen.

Der Trick mit dem Rückenwind funktioniert übrigens auch auf dem Surfbrett, mit dem Segelboot, beim entspannten Joggen oder sogar – wenn auch nicht unbedingt umweltfreundlich – auf dem Motorrad oder im Auto. Da ist dann auch die Windrichtung relativ egal. Nur die Straße sollte frei sein, denn im Stadtverkehr versperren zu viele Hindernisse, Ampeln und Vorfahrtsregeln den fliegenden oder auch fliehenden Gedanken den Weg.

Aber ist das eigentlich gut und richtig? Darf man vor seinen Problemen einfach so davonradeln? Sich aus dem Staub machen und alles hinter sich lassen? Jesus hat das doch auch nicht gemacht. Er ist nicht davongelaufen! Dabei hatte er durchaus Optionen. Statt Gethsemane, Verurteilung und Kreuzigung hätte er einfach rechtzeitig auf einer Wolke Platz nehmen können, für ordentlichen Aufwind gesorgt und –Huiii – hätte er den ganzen Ärger auf dieser Erde unter und hinter sich gelassen. Kein Verrat, keine Folter, kein Kreuz – aber auch keine Auferstehung, kein Ostern.

Er hat sich für den schweren Weg entschieden. Sei es aus Fürsorge und Liebe zu uns Menschen, aus Pflichtbewusstsein gegenüber Gott, im Bewusstsein um seine Rolle und Verantwortung im Kontext der Heilsgeschichte oder aus einem ganz anderen Grund. 

Einfach abhauen oder wegradeln war schon damals keine Lösung. Das wusste Jesus und das wissen wir. Wirklichen Problemen kann man nicht entkommen. Das schaffen nicht einmal die Astronauten mit ihrer Rakete oder Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko. Durchaus hilfreich und legitim ist es aber in meinen Augen, sich ab und an Luft zu verschaffen, den Rückenwind zu nutzen, um durchzuatmen, die Fesseln abzustreifen, um sich zu strecken und zu dehnen – und so einen klaren und unbelasteten Blick auf das gesamte Problemgemenge hinter sich werfen zu können. Und selbst wenn dann die Analyse der Problemlage in ein „Augen zu und durch!“, mündet, dann heißt es: Vom Rad absteigen! Aufrichten! Allen Mut zusammennehmen und Problem angehen! Das alles sollte uns als Christen möglich sein, im festen Wissen darum, dass auf jeden Karfreitag das Osterfest folgt.

Nehmen Sie also den ersten warmen Frühlingswind in ihrem Rücken dankend an. Denken Sie nicht an den Gegenwind, denn der kommt früh genug. Tanken Sie stattdessen beim Dahingleiten Kraft und Mut, und nutzen Sie die Chance, um einen klaren Blick auf sich und die Welt zu gewinnen! Frohe und gesegnete Ostern!

Mit dem Wind … den richtigen Halt suchen. Ja, aber was ist es, das mich hält? Mein Hund braucht sich diese Frage nicht zu stellen. Der hängt ganz einfach an seiner Leine und fühlt sich richtig gut dabei. Er muss sich nicht dauernd umschauen, ob sein Rudel auch wirklich folgt, ob Herrchen vielleicht verlorengeht und um den Rückweg zum heimischen Fressnapf muss er sich auch nicht kümmern. Manchmal denke ich, er sieht das Leinen-Verhältnis ganz anders als ich. Nicht er hängt an der kurzen Leine, sondern ich bin angeleint. Was hält mich? Wer hält mich?

Da steht ein altes, halb verfallenes Haus an der Kreuzung in Mahlzow. Das Dach aus Reed und Blech zusammengeschustert und doch halb eingestürzt. Die eine Seitenwand aus Ziegelsteinen lehnt an der Holzwand der Giebelseite. Duzende Balken und Holzpfähle stützen von außen. Seile und Schnüre waren gespannt und sind längst zerrissen und das Haus steht trotzdem. Eine Ruine. Aber wer stützt da eigentlich was? Hält die Ziegelwand die Holzseite und wäre die nicht wiederum längst eingestürzt, wenn nicht der Dachstuhl auf ihr lasten würde? Oder verharrt das Gerippe aus Reed und Blech nur deshalb in luftiger Höhe, weil es sich beim Versuch zusammenzubrechen so ineinander verkeilt hat, dass es gar nicht mehr einstürzen kann? Was hält uns? Wer hält uns? 

Unser Leben ist eine ständige Suche nach Halt, nach Stütze und Stabilität. Und gleichzeitig wollen wir nicht festgehalten werden, streben nach Freiheit, Selbstständigkeit und verabscheuen die Kontrolle durch andere. Wie mein Hund übrigens. Wenn Abenteuer oder Leckereien am Wegesrand locken, dann würde er liebend gern auf den Halt der Leine verzichten. Wenn sich allerdings der große, böse Wolf nähert, dann traut er sich dieses Monster nur deshalb heldenhaft zu verbellen, weil er seinen vermeintlichen Beschützer direkt und gut angeleint hinter sich weiß. 

Ein sicherer Halt macht mutig. Ein Halt, auf den ich mich verlassen kann, stellt die Basis dar, um Neuland zu erkunden. So ein Haus mit einem guten, festen Fundament verfügt über einen Halt, der einem Zelt oder einer Holzhütte fehlt. Eine glückliche Familie kann den Kindern viel Halt vermitteln, bei deren Start ins Leben. Ein guter Job und das Wissen um ein gesichertes Einkommen geben Selbstvertrauen und lassen optimistisch in die Zukunft schauen. Und doch: Oft kommt alles ganz anders. Da ist der so sicher geglaubte Job auf einmal in Gefahr, weil die Firma umstrukturiert wird. Eine Familie zerbricht durch Trennung, Krankheit oder gar den Tod eines Partners. Die Leine, die so fest und wichtig war, reißt ganz unvermittelt. Manchmal kommt diese „Haltlosigkeit“ plötzlich und unerwartet. Oft kündigt sie sich allerdings schon lange vorher an. Die splissige Leine, die man schon längst ausgetauscht haben wollte, das Haus, in dessen Pflege und Erhaltung man in den letzten Jahrzehnten weder Zeit noch Geld investiert hat, oder auch die Beziehung, die seit Jahren mehr Zweckgemeinschaft als Partnerschaft ist. Viel zu oft schauen wir dem Verfall einfach zu, ignorieren aus Bequemlichkeit, Zeitmangel, Desinteresse oder vielen anderen Gründen den Zustand unseres Ankers. Und dann wundern wir uns, wenn das Seil unvermittelt reißt, uns der Halt wegbricht und unser sicher geglaubtes Lebensgebäude in sich zusammenstürzt.

 Daraus zu folgern, dass wir ständig angsterfüllt unsere Umgebung auf Standfestigkeit, Bindungskraft, Verlässlichkeit oder Perspektive hin überprüfen und für den Fall der Fälle mindestens fünf „Ersatzknotenpunkte“ in der Hinterhand haben sollten, wäre der völlig falsche Ansatz. Etwas mehr Achtsamkeit, Pflege, Wartung oder auch Sanierung anstatt alles bequem auszusitzen oder substanzielle Probleme schönzureden hat allerdings schon manches Haus erhalten, hat Beziehungen vor dem Zerbrechen bewahrt und so den Halt gesichert, den wir alle brauchen.

Halt gibt es nicht umsonst. Während die Bremsen im Auto regelmäßig vom TÜV auf ihre Funktion, ihre „Haltefähigkeit“ hin überprüft werden, sind wir für viele andere Sicherheits- und Haltevorrichtungen in unserem Leben selbst verantwortlich. Schimpfen wir also nicht auf den Hersteller oder den Hund, wenn die Leine reißt. Klagen wir nicht den Partner an, wenn die Beziehung in die Brüche geht. Fluchen wir nicht vorschnell auf die Baufirma, wenn unser Haus einstürzt. Fragen wir uns stattdessen lieber, was wir eigentlich zum Erhalt der Beziehung, des Hauses oder meinetwegen auch der Hundeleine beigetragen haben. Und das am besten rechtzeitig, denn manchmal gibt es – wie beim Fallschirm – noch eine zweite Leine, eine zweite Chance bevor alles in zerreißt oder in sich zusammenstürzt.

 Und wenn so ein wichtiger Halt dann schließlich doch, trotz liebevoller Pflege, sorgfältiger Wartung und viel Zuwendung und Aufmerksamkeit - oder auch ganz plötzlich - wegbricht? Dann gibt es da natürlich noch den Halt, der uns Christen unser ganzes Leben begleitet. Oft ist er ganz tief unter all dem Alltagströdel, der uns umgibt, vergraben und muss zunächst mühsam gesucht und vielleicht auch erst einmal aktiviert werden. Manchmal liest sich die Gebrauchsanleitung zunächst etwas mühsam, aber im Grunde ist sie auch für den Laien leicht verständlich. Ja und schließlich braucht es Mut, einem eher antiquierten und aus der Mode gekommenen Halte- und Sicherheitssystem zu vertrauen.

Aber glauben Sie mir: Das System hält, was es verspricht! Anwendungsfehler können nahezu ausgeschlossen werden und auch die Nebenwirkungen sind vollkommen unschädlich.

Mit dem Wind … ab in die nächste Welle. Die nächste Welle? Im Februar? Der spinnt wohl! Das zumindest denke ich immer, wenn ich die Eisbader bei ihren Events beobachte. Keine 10 Seehunde würden mich dazu bringen, mit Anlauf und voller Absicht in die 2°C kalte Ostsee zu springen. Brrrr! Allerdings: Gut ausgerüstet, mit Gummistiefeln und dicken Socken, kann ich mir auch im Winter eine vorsichtige Begegnung mit dem eiskalten Nass vorstellen. 

Natürlich muss man sich sehr in Acht nehmen. Nicht dann, wenn die Ostsee wieder einmal spiegelglatt, wie ein ausgeschalteter Flachbildschirm oder eine schläfrige Flunder, in den spärlichen Wintersonnenstrahlen badet. Das kommt in den Wintermonaten aber eher selten vor. Denn Dezember, Januar und Februar sind die Monate, in denen sich selbst die Ostsee, die kleine Schwester von Nordsee und Atlantik, mal so richtig ins Zeug legt und zeigt, was sie in den Fächern „Sturmbrausen“, und „Wellenberge auftürmen“ schon so alles gelernt hat. 
 Bei nasskalter, stürmischer Witterung kann die Begegnung zwischen Gummistiefel und Welle schon mal zu einer echten Herausforderung für den beschuhten Wasserfreund werden. Wellen, die sich dem Strand nähern, sind nämlich vor allem Eines: Unberechenbar! Zumindest auf den ersten Blick. Aber ganz so mysteriös und überraschend ist die Welt der Wellen dann doch nicht, und damit der nächste Strandausflug bei Sturm nicht mit einem überfluteten und eiskalten Gummistiefel endet, gibt es an dieser Stelle die „Kleine Wellenkunde Teil 1“. Praxiserprobt natürlich und mehrfach evaluiert. 

Beginnen wir mal mit den richtigen Brechern, die mit einem mächtigen Aufschlag auf den Strand rollen. Kurz vor dem Ufer schlagen sie tosend um und rollen mit mächtiger Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf Verluste den Strand hinauf. Da hilft nur die rasche Flucht, will man nicht im nächsten Moment bis zum Knie im Wasser stehen. Zum Glück sind diese Brecher meist rechtzeitig zu erkennen. Wer aufs Meer schaut, sieht sie heranrollen, und wer seine Augen mit Suche nach Bernsteinen schon gut ausgelastet hat, der sollte zumindest die Ohren spitzen. Die richtig ordentlichen Wellen sind nämlich nicht nur imposante Erscheinungen, sondern auch entsprechend laut, wenn sie umschlagen. Beim Zurücklaufen ins Meer behindert so ein Brecher dann allerdings auch seine Nachfolger, bremst sie aus und man ist für einige Augenblicke in Sicherheit vor neuem Ungemach. Alles in allem gilt: Große Wellen kann man rechtzeitig erkennen und größeres Unheil mit etwas Aufmerksamkeit gut verhindern.
 Jetzt gibt es aber auch die Teamarbeiter unter den Wellen. Nicht besonders groß, nicht laut, nicht eindrucksvoll – aber umso nachhaltiger. Meist sind sie es, die für die nassen Füße sorgen, denn sie werden nur allzu oft unterschätzt. Vorausgeschickt wird ein kleines, unschuldiges Wellchen. Aber bevor das den Strand erreicht, sich dort totläuft und langsam zurück ins Meer fließt, nimmt es eine zweite und gern auch eine dritte Welle huckepack mit auf den Weg. Mit Vorliebe dann auch die etwas kräftigeren Exemplare. Wie bei einem Staffellauf rollt dann zuerst das kleine Wellchen auf den Strand, übergibt rechtzeitig den Staffelstab an Nr. 2 und für den Schlussläufer, die Welle Nr. 3, ist es dann ein Leichtes, den Fuß des unvorsichtigen Strandläufers zu erreichen. Wasser im Schuh – Ziel erreicht! Ich habe das ein oder andere kleine Wellenpaket schon amüsiert kichern hören, wenn es nach erfolgreicher Arbeit sanft und ohne großen Aufruhr wieder ins Meer zurückgeflossen ist.

Wellen haben derzeit nicht unbedingt Hochkonjunktur, was ihren Beliebtheitsgrad betrifft. Das liegt aber weniger am Wasser als vielmehr an der flexiblen Verwendung des Begriffs in anderen Bereichen. Darüber möchte ich aber an dieser Stelle nicht nachdenken. Das tun wir schon den ganzen Tag und mindestens die halbe Nacht. Nehmen wir die Ostseewellen, wie sie sind – und doch an der ein oder anderen Stelle unseres Lebens zum Anlass, nicht gleich die ganz große Keule oder den Hammer auszupacken, sondern uns nach einem erfolgsversprechenden Team umzuschauen, um die Probleme und Aufgaben, die uns das Leben stellt, zu bewältigen. 

 

 Mit dem Wind … sind sie sooo schnell wieder weg. Die guten Vorsätze für 2020. Aber immerhin gab es sie mal – vor einem Jahr. Bestimmt! Denn gute Vorsätze gehören so fest zu Silvester und dem Jahreswechsel wie die Christmette zur Heiligen Nacht. Manche Menschen verzichten ja in vorauseilendem Pessimismus schon seit Jahren darauf, gute Vorsätze zu Beginn eines jeden neuen Jahres zu fassen. „Wird eh nix draus!“ „Alles nur Selbstbetrug!“ „Hab ich in den letzten Jahren auch nicht durchgehalten!“ Und sie haben auch gleich die passenden Belege für ihre defätistische Einstellung parat: Da der Hinweis auf die Waage, die anstatt der geplanten 5 Kilo weniger sogar 3 Kilo mehr anzeigt als zu Silvester vor einem Jahr. Dort der Glimmstängel, der weiterhin problemlos zum Anzünden der Böller verwendet werden kann, denn der gute Vorsatz das Rauchen einzustellen, ist wieder mal gescheitert. Oder der völlig überflüssige alljährliche Kater am Neujahrsmorgen, weil man am Silvesterabend mal wieder vergessen hat, dass sieben Gläser Feuerzangenbowle im Mix mit Bier, Wein und weiß der Teufel wie vielen sonstigen alkohöllischen Gemischen einfach unverträglich sind. 

Monumente und Zahlen des Versagens, der persönlichen Niederlage, die ganz klar zu beweisen scheinen, dass gute Vorsätze nur Schall und Rauch oder Knall und Feuerwerk sind. Verpufft schon mit der letzten Rakete um 1:23 Uhr oder spätestens verraucht, im trüben Grau der immer noch schwarzpulvergeschwängerten Luft eines silvestermüden Neujahrstages.

Erinnern Sie sich noch daran, was 2020 auf Ihrer persönlichen „Gute-Vorsätze-to-do-Liste“ stand? Ich habe es tatsächlich vergessen, kann also gar nicht überprüfen, ob sich aus irgendeinem Ansatz etwas Positives entwickelt hat. Irgendwie peinlich. Haben die Zweifler vielleicht recht? Sind die guten Silvestervorsätze nichts anderes als das Bleigießen, Miss Sophies 90ster Geburtstag, die Zigarre zur ersten Rakete oder das Knallbonbon mit Binsenweisheit? 

Ja und Nein, meine ich. Wenn man die guten Vorsätze tatsächlich ohne großes Nachdenken, wie einen Böller entzündet, dann zerplatzen sie mindestens ebenso schnell, hinterlassen bestenfalls einen üblen Geruch oder Ohrenschmerzen und liegen spätestens am Neujahrstag wie die Papierfetzen des letzten Böllers in einer schmutzigen Pfütze aus geschmolzenem Schnee und verschüttetem Sekt. Solche Vorsätze haben eine denkbar geringe Halbwertzeit.
Es gibt aber auch die anderen. Die Vorsätze, die nicht aus einer spontanen Laune heraus entstehen, sondern schon lange in uns schlummern und von der nahenden Böllerflut zu Silvester aus ihrem Dornröschenschlaf gesprengt werden. Decke wegziehen und der Realität unverhüllt ins Auge schauen! Das ist die erste Voraussetzung – und die hört sich leider viel leichter an, als sie es ist! Um einen guten Vorsatz zu fassen und etwas (ver-)ändern zu wollen, bedarf es nämlich zunächst des Eingeständnisses, dass Veränderung tatsächlich Not tut. Dies fällt uns meist unendlich schwer, denn ein „Weiter so“ scheint fast immer der einfachere Weg zu sein. Und nach der Einsicht? Kommt das Handeln! Und während für die Erkenntnis schon eine ordentliche Portion Mut zur Selbstreflexion erforderlich ist, steht vor dem Handeln ein ganzer Berg von Ausreden, Entschuldigungen und Ausflüchten.

Neu ist das jetzt alles nicht wirklich, und – ganz ehrlich – oft, sehr oft, scheitere ich schon am ersten Hindernis. Das ist aber gar nicht schlimm. Denn wenn es so einfach wäre, gute Vorsätze auch umzusetzen, dann könnten wir uns das ganze Gewese darum sparen und einfach „machen“. Ist es aber nicht. Und gerade deshalb ist es wichtig, die Vorsätze nicht nur lapidar, so nebenbei zwischen zwei Raketenstarts zu zünden, sondern durchaus gründlich darüber nachzudenken, was ich mir da zumuten will. Und dann – versprechen will ich Ihnen aber nichts – gelingt es vielleicht doch, den ein oder anderen Vorsatz 2021 zu realisieren. Und eventuell erinnere ich mich ja an meine guten Vorsätze aus dem letzten Jahr deshalb nicht mehr, weil ich sie inzwischen alle umgesetzt habe und sie mir so alltäglich und gar nicht mehr besonders erscheinen …

„Think positiv!“ Das ist es, was wir gerade am Beginn dieses Jahres besonders beherzigen sollten. Positiv denken, gründlich gute Vorsätze fassen, Mühe und guten Willen investieren und nicht verzweifeln, wenn das am Ende vielleicht nicht ganz ausreicht. Da gibt es dann noch einen, der immer mal völlig unerwartet Erste Hilfe leistet: beim Vornehmen, beim Umsetzen, beim Durchhalten, beim Mut haben, beim Nichtvergessen – beim Glauben!

 

Mit dem Wind … das Leben teilen. Und nein – es geht hier mal nicht ums Abgeben! Der heilige Martin, der hat seinen Mantel geteilt. Und an vielen Stellen des Neuen Testaments ruft Jesus zum Teilen auf, mahnt Selbstlosigkeit und Großzügigkeit immer wieder an. Und es ist ja sogar möglich, das Leben zu teilen, mit einem Partner oder einer Partnerin. In guten wie in schlechten Zeiten - wenn man Glück hat und an sich arbeitet. Sich „mitteilen“ wäre auch noch eine Option. Also etwas Sinnvolles oder Nützliches von sich geben und andere daran teilhaben lassen. Zugegeben: Nicht immer ist der Empfänger automatisch glücklich darüber, was ihm so mitgeteilt wird, aber das ist ein anderes Problem. 

 Für uns als Christen oder auch für den praktizierenden Humanisten ist in jedem Fall der Begriff des Teilens zunächst einmal positiv besetzt. Die Bereitschaft zu teilen unterscheidet uns von Egoisten, Geizhälsen oder selbsternannten Ich-AGs.

Und trotzdem sage ich an dieser Stelle „Nein“: Das Leben kann man nicht teilen! Aber leider wird gerade das viel zu häufig versucht. Sie kennen alle das Gefühl der Zerrissenheit, wenn Sie versuchen, ihre Aufmerksamkeit, Lebenszeit und Energie zwischen unterschiedlichen Bereichen, Aufgaben, Terminen oder Anforderungen aufzuteilen. Meist schafft man weder das Eine noch das Andere so, wie man sich das vorgestellt hat. Im Gegenteil: Regelmäßig wird einem vorgehalten, was noch fehlt, wo man unzureichend oder unzulänglich agiert hat oder im schlimmsten Fall bekommt man absichtliche Nachlässigkeit attestiert. „Das liegt an der fehlenden Organisation, am mangelhaften Zeitmanagement und der falschen Priorisierung“, wird man Ihnen bei einem entsprechenden Coaching erklären. Und der Psychologe, den Sie in ihrer Verzweiflung vielleicht aufsuchen, hat auch einen guten Rat zu Hand: „Denken Sie zuerst an sich! Finden Sie heraus, was Ihre Bedürfnisse sind und vor allem: Trennen Sie Privatleben und Beruf, Arbeit und Erholung!“ Vielleicht gibt es auch noch den guten Freund, der helfen will: „Du musst wieder mehr für dich machen!“, lautet der wohlmeinende Rat – und verpasst Ihnen damit den nächsten Arbeitsauftrag. 

Alle diese Ratschläge sind sicher nicht falsch. Nicht umsonst gibt es Coaches, Therapeuten und gute Freunde – wobei nur letztere ihren Rat gratis verteilen. Aber ist das Leben wirklich aufteilbar, in privat und beruflich, Freizeit und Arbeit, Partner, Kinder, Freunde und, und, und? Auf dem Papier sicher, aber in der Realität? Ordnen, ja das geht und hilft bestimmt, um ab und an Licht ins Chaos des Lebens zu bringen. Aber aufteilen, wie rechts oder links, schwarz oder weiß, Eis oder Chips, Krimi oder Schnulze? Das funktioniert nicht! Liegt schon daran, dass das Leben nicht statisch, sondern immer in Bewegung ist. Das Leben anhalten, um sich mal einen Überblick zu verschaffen? Keine Chance! Versuchen Sie mal, einen Wasserfall anzuhalten oder Ordnung in einen Strudel zu bringen. Das Leben ist viel zu komplex für alle Ordnungs- und Ablagesysteme, die uns zur Verfügung stehen.

Gerade bei der immer wieder geforderten Trennung von Beruf- und Privatleben wird unser Dilemma besonders deutlich: Auch, wenn kein Familienbild mehr auf dem Schreibtisch steht -  lege ich deshalb meine privaten Gedanken am Eingang des Betriebes neben der Zeiterfassung in ein Körbchen? Und wenn ich zu Hause keine Dienstmails lese und auch das Diensthandy in der Jackentasche lasse – fallen dann alle ungelösten beruflichen Probleme vor der Haustür von mir ab und räkeln sich dort entspannt im Gras, bis ich sie am nächsten Morgen wieder aufsammle? Schön wäre es manchmal, aber so funktioniert das Leben nicht. Und weil das so ist, weil Leben eben nicht teilbar ist, nützt es auch nichts, wenn ich verbissen versuche zu teilen, was unteilbar ist, zu sortieren und zu trennen, was zusammengehört. Genauso wenig, wie ich selbst als Multitaskinggenie mehreren wichtigen Aufgaben gleichzeitig gerecht werden kann, genauso wenig kann ich mein Leben präzise filetiert in vorbildlich sortierte Schubladen verteilen, die ich – ganz nach meinem Bedarf – öffne und schließe. 

Ordnung ist das halbe Leben – aber eben nur das halbe. Der Rest ist Chaos, ist Lebendigkeit, ist ungeplant und auch mal anstrengend, ist abwechslungsreich und überraschend, fordernd und spontan – und gehört zu meinem ganzen Leben.

Gehen Sie sorgsam mit Ihrem Leben um! Es ist Ihr Leben! So einzigartig, so persönlich, so individuell, chancenreich, großartig und ein Geschenk! Herzlichen Glückwunsch!