März 2026
Mit dem Wind ...
… möchte ich aus gegebenem Anlass mal den alten Goethe zitiert: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“ Endlich! War das ein Winter an der Ostsee! Zwei Monate mehr oder weniger durchgängig Temperaturen im Minusbereich. Viele Tage und Nächte herrschte sogar strenger Frost. Dazu ein steter, ohnehin schon eisiger Wind aus Nordost. Ich habe gefroren. Dauerhaft. Dabei stand das Rad seit Weihnachten im Hausflur, und Bewegung an der sehr frischen Luft beschränkte sich auf überlebensnotwendige Besuche im nahegelegenen Supermarkt.
Die Urlauber, die in Scharen auf der zugefrorene Ostsee flanieren wollten, hat die Kälte allerdings nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Der Jahresbeginn 2026 war auf Usedom der bestgebuchte seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre – ja was weiß ich, welche Daten die Touristiker als Vergleichswert herangezogen haben! Auf alle Fälle ist man sehr zufrieden gewesen mit dem unerwarteten Gästeansturm. Und dem warmen Geldregen. Auch, wenn der sicher für die zu erwartende, exorbitante Heizkostennachzahlung draufgehen wird.
Und jetzt? Ganz ehrlich: Nach zwei Monaten Glätte und Eis vermisse ich das morgendliche Freikratzen der vereisten Autoscheiben, das Schlittern über ungestreute Gehwegabschnitte oder auch die Fahrten mit der UBB zur Arbeit, weil auf der Straße einfach gar nichts mehr ging. Irgendwie ist sie in den letzten Wochen tatsächlich zur Routine geworden, diese Entschleunigung bei jeder Art der Fortbewegung. Und auch den Blick nach oben, um mögliche Gefahren in Form dicker Eiszapfen oder Ästen, die unter ihrer Eislast zu brechen drohen, rechtzeitig zu erkennen, habe ich – trotz inzwischen frühlingshafter Temperaturen – noch nicht wieder völlig abgelegt.
Man gewöhnt sich an alles. So unrecht hat die alte Volksweisheit nicht. Während der erste Schneetag des Winters noch für Chaos auf den Straßen und hektische Katastrophenmeldungen oder – je nach Quelle – Weltuntergangsprognosen in den Medien sorgt, wird selbst ein ungewöhnlicher Eiswinter an der Ostsee nach einigen Wochen Alltag.
Aber jetzt plötzlich auf den Frühling einstellen? Die paar warmen Tage könnten ja ein hinterhältiges Täuschungsmanöver des launischen Wettergottes sein, um dem Winter die Chance für einen – nicht mehr erwarteten – Überraschungsangriff durch die Hintertür einzuräumen. Also lieber Vorsicht walten lassen, und Handschuhe, Wollsocken, Pudelmütze und die dicke Winterjacke weitertragen. Den Schweiß kann man ja gegebenenfalls abwischen.
So sind wir Menschen. Umstellung fällt uns schwer. Und das gilt auch für die flexibelsten Zeitgenossen unter uns. Wir brauchen unsere Routinen. Der eine mehr, der andere weniger. Sie geben uns Sicherheit und damit Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Wenn wir 50% unseres Lebens routiniert im Griff haben, dann bleiben immer noch die unkalkulierbaren restlichen 50%. Auf die können wir dann aber 100% unserer Kraft verwenden. Daher kommt auch unser – oft unbewusstes – Streben nach Routinen, Gewohnheiten und Berechenbarkeit. Je größer der „geregelte“ Teil unseres Lebens ist, desto entspannter können wir dem entgegensehen, was uns unerwartet dazwischenkommt.
Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das ganz anders aus. Da haben wir uns gerade so richtig gemütlich in unserem routinierten Leben eingerichtet und dann kommt da irgendein ungeplanter Schicksalsschlag daher und stört die schöne Ruhe. Kein Problem, sollte man meinen. Dafür stehen doch die zusammengesparten 100% an Power zur Verfügung, die nur auf genau so einen Einsatz gewartet haben.
Leider sieht die Realität aber meist ganz anders aus. Je mehr wir unser Leben nämlich gut geregelt haben, desto unflexibler reagieren wir auf Ereignisse, die diese Ruhe unerwartet stören. So geben Gewohnheiten und Routinen zwar Sicherheit, machen aber auch unendlich träge. Einsatzbereitschaft? Power? Flexibilität? Verschwunden! Alles unter einer dicken Paste klebriger Selbstzufriedenheit begraben.
Und genau an der Stelle kommt jetzt unser Wetter ins Spiel. Das schüttelt so ein bisschen Lösungsmittel nämlich locker aus der nächsten Wolke. Ein plötzlicher Regenschauer, ein unerwarteter Wintereinbruch, Sonnenschein, obwohl doch Nebel vorhergesagt war oder ein Temperatursturz. Ganz zu schweigen, von plötzlich auftretenden Tornados oder anderen Wetterextremen – unser Wetter bleibt, allen Modellen und Prognosen zum Trotz, unberechenbar. Darüber mag man lamentieren, meckern oder jammern – ändern wird sich daran nichts.
Wenn sie mich fragen, ist das Wetter mit all seinen Kapriolen Gottes überaus effektiver Trägheits-Aufrüttler für uns. Er sorgt als „Wettergott“ dafür, dass wir immer wieder gefordert werden, flexibel zu reagieren. In der Sportwissenschaft würde man sagen: Gott setzt ganz gezielte Trainingsanreize.
Apropos Sport! Endlich wieder Wetter zum Radfahren und Joggen. Und bald darf auch wieder gerudert und gesegelt werden. Die Schlittschuhe dagegen werden erst mal eingemottet. Bis – ja bis der Wettergott der Meinung ist, wir brauchen mal wieder einen kleinen, unerwarteten Aufrüttler. Ich hoffe nur, er wartet damit bis zum Dezember. Weihnachten wäre nicht schlecht.