Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Mit dem Wind - Sammlung der Beiträge aus den zurückliegenden Monaten

       

Mit dem Wind  auf das Wesentliche besinnen! Das wird zu Weihnachten immer wieder angemahnt und ich dachte, das ist der richtige Zeitpunkt, sich einmal intensiver mit den sogenannten „Ansitzeinrichtungen“ zu beschäftigen. Keine Ahnung, was das ist? Aber „Hochsitz“ oder „Jägersitz“ haben Sie sicher schon mal gehört. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Sie auch schon häufiger – meist widerrechtlich – eine dieser hölzernen Aussichtsplattformen erklommen, um die Gegend aus der Vogelperspektive in Augenschein zu nehmen. Vielleicht ging es auch nur um eine Mutprobe, denn häufig sind die Leitern zur Plattform morsch, fehlen Stufen, oder der Hochsitz schwankt und knirscht wenig vertrauenserweckend beim Aufstieg. Wahrscheinlich sind Hochsitze auch die einzigen Bauwerke, die im öffentlichen Raum stehen und ohne Baugenehmigung oder regelmäßige Sicherheitsprüfung, ohne TÜV und Wartungsinterwalle auskommen.

Es gibt aber auch wahre Luxusressorts unter den Hochsitzen, ausgestattet mit Dach, Sitzbank und zahlreichen Ablagemöglichkeiten. In Schweden habe ich sogar schon eine Plattform mit bequemem Bürostuhl und Getränkehalter – vielleicht für das Fläschchen Jägermeister? – gesehen. In der Regel sind die Hochsitze, denen wir in Wald und Flur begegnen, aber doch spartanische, schnörkellose Bauwerke, die mordlustigen und schießwütigen Jägern ermöglichen, ihrer niederen Gesinnung noch effizienter nachzugehen, als dies beim Streifen durchs Dickicht eines dunklen Tannenwaldes möglich wäre. Typen also, die mit ihren reichen Jagdkumpanen prinzipiell angetrunken aus luftiger Höhe auf unschuldige Rehe und Wildschweine ballern, Hasen nur deshalb verschonen, weil die zu klein sind und nach erfolgtem Weidwerk ihre Trophäen in Form von Zwölfendern zu Hause an die Wand nageln.   Einseitige Betrachtungsweise? Aber sicher! Klischees? Immer gern! Und deshalb wechseln wir hier einfach mal die Perspektive. Warum? Weil wir es können!

Stellen wir uns doch einfach mal die unglaubliche Ruhe an einem frühen Samstagmorgen auf einer Waldlichtung vor. Der Jäger sitzt mit einer Thermoskanne Kaffee und dick eingemummelt gegen die aufsteigende Dezemberkälte auf seinem Hochsitz. In einiger Entfernung weidet das Rotwild. Der Schnee, der Wald und Feld bedeckt, glitzert im letzten Licht einer sternenklaren Nacht, bevor sich – viel, viel später – die ersten Strahlen einer unausgeschlafenen Wintermorgensonne zeigen. Es ist still. Unser Jäger hat, wie an so vielen anderen Tagen, die Flinte längst an die Rückwand des Hochsitzes gelehnt. Er sitzt nur da, staunt und genießt jeden Augenblick dieser frühen Morgenstunde. Die anstrengende Arbeitswoche? Schnee von gestern! Die Gedanken über den anstehenden Weihnachtsstress? Ganz weit weg!

Diese Zeit der Ruhe und Kontemplation in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden auf dem Hochsitz ist es, warum er damals seinen Jagdschein gemacht hat. Wie hätte er denn sonst der Familie oder seinen Freunden erklären sollen, warum er zu nachtschlafender Zeit viele Stunden auf einem klapprigen Hochsitz verbring? Die hätten ihn doch alle für verrückt erklärt!

Als die erste Morgenröte sich gemächlich am Horizont breitmacht, packt unser Jäger seinen Rucksack schultert das Gewehr und macht sich durchgefroren aber glücklich auf den Heimweg. Seine Familie kennt das schon, wenn er, die Tüte mit frischen Bäckerbrötchen im Rucksack anstatt einem erlegten Rehbock auf der Ladefläche des Pickups, lächelnd und mit sich und der ganzen Welt im Reinen nach Hause kommt. Was für ein schöner Start ins Adventswochenende!

Schaffen wir das auch? Gelingt es uns, die Flinte in die Ecke zu stellen, die Vorweihnachtszeit nicht als Stress, sondern als das wahrzunehmen, was sie eigentlich ist – eine Zeit der Erwartung, der Vorfreude, des Innhaltens? Gar nicht so einfach, denn in unserem Alltag fehlt uns viel zu häufig ein einsamer Hochsitz in den frühen Morgenstunden, ein ruhiger Angelplatz am See, eine geöffnete und einladende Kirche und nicht zuletzt die Zeit, die Muße, der Abstand fürs Wesentliche.

Das Kind in der Krippe ist so klein und unscheinbar und doch so unendlich wichtig für unser Sein! Schärfen wir also unseren Blick und nehmen wir uns die Zeit; dann erkennen wir, wie wesentlich Gott für uns und unser Leben ist.

Mit dem Wind ... wird es heute mal ganz persönlich. Der 9. November ist nicht nur für die deutsche Geschichte ein wichtiger Tag; ich habe mir dieses Datum vor vier Jahren ganz bewusst für meine unumgängliche Herz-OP ausgesucht. Tja, mein Herz! An diesem Tag, der früh am Morgen im Operationssaal der Herzchirurgie begann, hatte mein Herz fast einen Urlaubstag. Während der Stunden, die die Operation dauerte, war ich an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und mein wichtigster Muskel hatte Feierabend. Dementsprechend unwillig stelle er sich auch an, als er zum Ende der Operation wieder übernehmen sollte. Wer lässt sich schon gern nach Feierabend vom Sofa und zurück an die Arbeit holen? Prinzipiell hatte ich deshalb auch durchaus Verständnis dafür, dass mein Herz einige nachdrückliche Ermahnungen und etwas Anschubhilfe durch die Ärzte benötigte, um wieder selbstständig zu schlagen. Froh bin ich aber schon, dass es sich schließlich einsichtig gezeigt hat.

Und dann? Irgendwie muss mein Herz sein Alter im Zuge der Operation völlig vergessen haben. Es schlug danach so schnell wie bei einem Säugling kurz nach der Geburt, machte Sprünge und Hopser vor lauter „Wieder-lebens-freude“ und brauchte Monate, nein Jahre, um sich darauf zu besinnen, dass es ja schon 50 Jahre auf dem Buckel hat und damit nun wahrlich kein junger Hüpfer mehr ist.

Am Herz hing allerdings noch mein restlicher Körper, inklusive Gehirn. Schläuche und diverse Zugänge gab es da natürlich auch, und mein Allgemeinzustand war doch arg lädiert, meinte zumindest meine Frau. So ein Restart, der am PC ganz einfach mit dem „Affengriff“ oder anderen kleinen Kniffen durchgeführt werden kann, hat es tatsächlich in sich. Ich habe in den Monaten nach der OP öfter über die Redewendung „sich wie neugeboren fühlen“ nachgedacht. Das sagt man so einfach daher, dabei wissen wir gar nicht, wie das eigentlich war – geboren zu werden. Das Gehirn ist bei der Geburt längst noch nicht ausreichend entwickelt, um sich später an diese erinnern zu können, und ich bin absolut sicher, dass die Natur das sehr weise so eingerichtet hat. Wenn sich „geboren werden“ ungefähr so anfühlt wie meine Wiedergeburt nach der Herzoperation, dann will man sich da wirklich nicht daran erinnern!

Schmerzen hatte ich keine. Die wurden durch Unmengen von schmerzstillenden Substanzen, die meinem Körper über verschiedene Leitungen zugeführt wurden eliminiert. Allerdings war mein Gehirn komplett überfordert. Als nicht benötigte Schaltzentrale hatte es während der OP ebenfalls den Betrieb eingestellt und versuchte jetzt, alle Synapsen wieder richtig zu verdrahten. Mit zunächst durchaus mäßigem Erfolg. Wirre Alpträume überfielen mich sofort, wenn ich die Augen schloss, Erinnerungsblitze zuckten durch das Unterbewusstsein, wurden kombiniert mit surrealen Bildern und das alles in der rasenden Geschwindigkeit einer Achterbahnfahrt mit integriertem Mehrfachlooping. Augen zu und los ging der wilde Ritt durch Raum und Zeit! Die Augen zu öffnen war allerdings auch nicht immer eine gute Idee. Am dritten Tag nach der OP übte sich nämlich in einem solchen Moment die fürsorgliche Krankenschwester im Kopfstand und brachte mir in dieser Haltung einen Tee, ohne ihn zu verschütten. Ein andermal wurde die Verbindung zwischen Sehnerv und Gehirn nicht nur gestört, sondern komplett unterbrochen. Plötzlich blind zu sein war auch eine Erfahrung, die man sich nicht wünscht.

Inzwischen ist aber alles wieder im Lot. Auch die Krankenschwester! Und fest steht für mich: Wenn so eine kleine Wiedergeburt schon solch traumatische Erlebnisse vermittelt, dann bin ich unglaublich froh, mich – wie alle anderen Menschen – nicht an meine richtige Geburt erinnern zu können.

Jetzt aber doch noch einen Schritt weitergedacht – und da wären wir dann mitten im November, mit den Festen Allerheiligen, Allerseelen oder auch dem Totensonntag: Wenn Gott uns so gut vor dem traumatischen Erlebnis der eigenen Geburt abschirmt, wenn wir völlig unbelastet von diesen Minuten oder auch Stunden ins Leben starten können, vielleicht dürfen wir dann auch darauf vertrauen, dass er die Sache mit dem Ende, dem Tod, ebenso perfekt arrangiert hat? Fragen können wir ja niemanden, aber ich habe mir inzwischen fest vorgenommen: Augen zu und durch! Wie bei der Geburt. Und fest darauf vertrauen, dass Gott in seiner Liebe und Weisheit das richtige Sedativum zur Hand hat, um mir den Übergang zu erleichtern.

Übrigens: Wenn ich inzwischen mein Herz klopfen höre, dann gerate ich nicht mehr in Panik. Stattdessen freue ich mich, dass es sich bemerkbar macht, sage ihm freundlich „Hallo“ und danke ihm jeden Tag, dass es so zuverlässig und treu seinen Dienst verrichtet. Und vielleicht belanglose Floskeln wie die „herzlichen Grüße“ oder jemanden „von Herzen liebhaben“ haben für mich heute eine viel tiefere Bedeutung als noch vor wenigen Jahren. Wir alle haben ein Herz, das uns treu dient – von der Geburt bis zum Tod. Wir sind nie „herzlos“, solange wir leben. Daran sollten wir täglich denken und unser Verhalten, unser Handeln danach ausrichten.

Mit dem Wind ... ist er ganz plötzlich wieder da, der „Schattenmonat“ Oktober! Schatten? Oktober? Ist denn die Frage, ob man im Café lieber im Schatten oder in der Sonne sitzen möchte nicht eher im Juli oder August angebracht? Zumindest sind das die Monate, in denen meine Frau und ich selten einer Meinung sind, wenn es um den besten Sitzplatz geht. Sie Schatten und ich Sonne. Daran hat sich in den letzten 29 Jahren nichts geändert. Wie gut, wenn beides vorhanden ist. Wobei ich mich regelmäßig benachteiligt fühle. Für Schatten kann man leicht durch einen gut platzierten Schirm, einen Sonnenhut oder auch eine Pergola sorgen. Aber wer sorgt für Sonne, wenn am Himmel wieder einmal dicke Wolken ihr Unwesen treiben? Die Welt ist so ungerecht – und immer auf Seiten meiner Frau!

Aber zurück zum Oktober und den langen Schatten, die von der tiefstehenden Sonne an einem wolkenarmen Tag wie aus dem Nichts auf den Boden gezaubert werden. An einem schönen Frühherbstnachmittag ist es meist soweit: Freundlich grüßend fährt auf einer Feierabendfahrradrunde mein Schatten neben mir. Überholt in der nächsten Kurve oder bleibt bescheiden zurück, wenn die Straße sich in die entgegengesetzte Richtung windet. Ein treuer Begleiter, kein Gegner, der mir davonradelt. Fest verbunden mit mir und meinem Rad folgt er mir durch Dick und Dünn, bergauf und bergab – bis zur nächsten Wolke. Dann ist er ganz plötzlich verschwunden, nur um Sekunden später in einer Wolkenlücke wieder vor, hinter oder neben mir aufzutauchen. Aus einer einsamen Ausfahrt wird so eine gemeinsame Tour durch die Herbstsonne. Wenn ich dem Schatten zuwinke, dann winkt er freundlich zurück, wenn ich an einer Steigung aus dem Sattel muss, dann schließt er sich ungefragt an. Eigentlich schön, denn so ein Schatten stört auch nicht die wunderbare Stimmung einer solchen Spätherbstrunde durch lautes Herumquatschen oder neugierige Fragen. Und die Entscheidung, in welche Richtung es gehen soll überlässt er gerne mir.

Einen Nachteil aber hat dieser Schatten, der da im Herbst so urplötzlich neben mir auftaucht. Er zeigt mir jedes Mal, dass ich wie ein nasser Sack auf meinem Rad sitze. Und was meine Frau mit all ihren Ermahnungen und gut gemeinten Hinweisen auf meine schlechte Haltung nie schafft, das gelingt diesem Schattenbild sofort: Ich drücke den Rücken durch, strecke mich, nehme Haltung an. Sieht gut aus der Mann! Fast wie ein Profi bei der Tour de France! Ein Bild von einem Rennradler! Aber spätestens nach einer halben Minute hoffe ich inständig, dass mich eine freundliche kleine Wolke erlöst und ich, unzensiert von meinem gnadenlosen Schatten, wieder in eine komfortable „Sackposition“ zusammensinken kann.

Mit der Entspannung ist es vorbei und der weitere Verlauf der Tour vorherbestimmt. Bei jeder Wolkenlücke heißt die Devise: Bauch einziehen, aufrichten, Schultern zurück! Der scheinbar so unselbstständige Schatten hat das Kommando übernommen und lässt sich, ein weiteres zunehmend lästiges Phänomen, auch nicht einfach abschütteln. Letztendlich hilft da nur der Schwenk in einen schattigen Waldweg, um die von der ungewohnten, orthopädisch korrekten Haltung schwer gebeutelten Muskeln und Sehnen nachhaltig zu entlasten. Denn hier verliert der Schatten urplötzlich die Kontrolle und muss hilflos mit ansehen, wie sein Erziehungsprogramm mal wieder gescheitert ist.

Haltung zeigen, Haltung bewahren. Das kleine Schattenspiel auf dem Rad zeigt deutlich, wie schwer uns das oft fällt. Wie gern lassen wir uns zurücksinken in unsere Komfortzone, obwohl wir wissen, dass das der falsche Weg ist. Wir lassen Probleme ungelöst liegen, in der Hoffnung, dass sich das alles schon irgendwie regelt. Wir beziehen nicht Stellung, aus Angst vor Unbequemlichkeiten, Gegenwind oder Ärger. Stattdessen bewundern wir viel lieber Menschen, denen die Haltung anscheinend in die Wiege gelegt wurde, die offensichtlich gar nicht anders können und uns das leidige und anstrengende Haltungsproblem durch ihr Engagement ersparen.

Zugegeben: Der unbarmherzige Schatten, der mir gestochen scharf meine Haltungsschwäche zeigt, der ist nicht unbedingt mein Freund. Aber stolz bin ich schon, wenn ich mal einen oder zwei Kilometer meine Haltung auf dem Rad bewahre. Sieht auch wirklich besser aus, tut den Knochen auf Dauer gut und steigert – auch das weiß ich ja – die Leistungsfähigkeit.

Haltung lohnt sich! Immer! Und es ist nie zu spät, eine gute, eine liebevolle, eine „menschenwürdige“ Haltung zu entwickeln.

Ich wünsche mir an vielen Stellen und in den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft mehr Mut, Energie und den klaren Willen, Haltung zu zeigen. Als Christen sollte uns das nicht schwerfallen, mit dem Blick auf Jesus, der selbst am Kreuz Haltung bewahrt und zu seinen Überzeugungen gestanden hat. Soweit müssen wir es sicher nicht kommen lassen. Aber ein wenig mehr unbequeme Zivilcourage, das könnten, das sollten – nein das müssen – wir uns leisten!

Ich wünsche mir an vielen Stellen und in den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft mehr Mut, Energie und den klaren Willen, Haltung zu zeigen. Als Christen sollte uns das nicht schwerfallen, mit dem Blick auf Jesus, der selbst am Kreuz Haltung bewahrt und zu seinen Überzeugungen gestanden hat. Soweit müssen wir es sicher nicht kommen lassen. Aber ein wenig mehr unbequeme Zivilcourage, das könnten, das sollten – nein das müssen – wir uns leisten!

Mit dem Wind … und zwischen dem Strom. Zwischen dem Strom? Naja, genau genommen neben beziehungsweise unter den Strommasten. Kenne Sie nicht mehr? Ich meine diese Masten, an denen ich die Stromleitungen in langen Wellen viele Kilometer über Felder und durch Wälder wiegen. Weniger die großen Überlandmasten, Stahlkolosse von immenser Höhe, die durch das Brummen der Starkstromleitung an ihrer Spitze nicht zu Unrecht eine furchteinflößende Atmosphäre verbreiten. Vielmehr meine ich die kleinen Holzmasten, die es auf Usedom und in anderen, eher ländlichen Gebieten noch gibt, weil sich die unterirdische Verlegung der Stromtrasse für die Betreibergesellschaft nicht rechnet.

Im Herbst dienen die schwarzen Leitungen, die sich in geringer Höhe von Mast zu Mast schwingen, den zahlreichen Zugvögeln als Startrampe in den Süden. Zu Hunderten besetzen sie die Leitungen, umkreisen die Masten und warten auf das Signal zum Aufbruch – von wem auch immer das kommen mag. Oft frage ich mich, wo sich all die reisefertigen Zugvögel ohne die schwarzen Leitungen zum Abflug verabreden würden. In einem großen Baum, auf Hausdächern oder an der Spitze eines Krans auf der Peenewerft? Auf alle Fälle müsste im Schwarm wahrscheinlich intensiv über eine neue Startbahn nachgedacht werden.

Gegen Ende des Sommers und bevor die große Reisewelle der Zugvögel einsetzt, sind die besagten Leitungen aber nur spärlich besetzt. Hier ein Spatz, dort eine Krähe und auch vereinzelte Schwalben oder Stare, die sich in luftiger Höhe in den spätsommerlichen Sonnenstrahlen räkeln. Aber was machen die da auf der Leitung? Nun gut, die Schwalben und Stare haben wahrscheinlich Angst, den Abflug zu verpassen, sind vielleicht neurotische „Zufrühkommer“ oder notorische Drängler. Aber die anderen Vögel, die den Winter über auf der Insel bleiben, was wollen die da oben auf der Stromleitung? Vielleicht auch einmal das Gefühl von Freiheit und Abenteuer genießen? Von einem langen Flug in den Süden träumen, vom Dolce Vita an den Stränden Italiens, lauen Winterabenden an der Costa Brava oder gar einem entspannten Cluburlaub an der Küste Nordafrikas? Alles viel besser als das nasskalte Winterhalbjahr an der stürmischen Ostsee, das leidige Futterproblem, wenn der Schnee die letzten Beeren und Körner verschwinden lässt, oder die mühsame Suche nach einem trockenen und nicht zu zugigen Plätzchen für die Nacht. Aber da sind ja der weite Weg und die Sprachhürde und dazu vielleicht als einziger Spatz in einem Schwalbenschwarm… . Dann doch lieber noch eine Runde im Wind schaukeln und auf einen milden Winter hoffen!

Oder nehmen die vereinzelten Vogel-Knubbel auf der Leitung nur einen gaaanz langen Anlauf in den Tag? Vor und zurück, vor und zurück, vor – und los! Oder doch noch nicht? Vielleicht hängt der ein oder andere gefiederte Leitungsschwinger aber auch einfach nur erschöpft ab, lässt nach zwei oder drei anstrengenden Brutgeschäften die Seele im lauen Ostseewind baumeln und will nur noch eines: seine Ruhe!So, oder so ähnlich stelle ich mir die Gedanken unserer einheimischen Vogelvertreter auf der großen Startrampe in den Süden vor.

Und merken Sie etwas? Haben Sie schon einmal die Insulaner gegen Ende der Saison genauer betrachtet, wenn sie vereinzelt in der Masse der abreisenden Gäste langsam wieder zum Vorschein kommen? Abgezehrt, den müden Blick verträumt in die Ferne gerichtet, den leicht schwankenden Schritt ziellos ins Nirgendwo gesetzt.

Das Brutgeschäft in diesem Sommer war tatsächlich wieder unglaublich anstrengend! Aber jetzt sind sie flügge, unsere Touristen. Gut erholt, sonnengebräunt und zurück auf dem Weg in ihre Heimat. Dazu mit allem versehen, um die anstrengenden Monate bis zum kommenden Sommer gut und erfolgreich zu meistern. Und zurück bleiben die Insulaner. Erschöpft, aber zufrieden, ihren Job erledigt zu haben. Wenn Sie könnten, würden sie sicher gemütlich auf einer der schwarzen Stromleitungen im Wind schaukeln. Aber sie finden – und das weiß ich sicher – auch andere Möglichkeiten, die Seele baumeln und die Saison ausklingen zu lassen. 

 

Mit dem Wind ... endlich mal alles in Ordnung gebracht! Das zumindest muss sich der Landwirt gesagt haben, als er seine Maispflanzen ordentlich in schier endlosen Reihen auf dem Feld eingepflanzt hat. Da tanzt keine aus der Reihe, und Bewegung bringt höchstens das ein oder andere Mäuschen zwischen die Legionen ordentlich ausgerichteter Jungpflanzen. Gestern erst bin ich an so einem Feld vorbeigekommen.

Irgendwann war dann aber Schluss mit Mais und ein wogendes Roggenfeld brachte etwas Abwechslung in die landschaftliche Eintönigkeit. Auch hier herrschte erkennbar eine gewisse Grundordnung. Die Halme ließen sich willig vom Wind in dieselbe Richtung biegen. Sanft schwangen sie im Gleichklang wie die Dünung auf der Ostsee hin und zurück. Kein Halm überragte dabei die anderen. Gerade so, als hätte ein ordnungsliebender Friseur einen riesigen Rasierer angesetzt und dem ganzen Feld einen radikalen Bürstenschnitt verpasst.

Obwohl: Die ein oder andere freche blaue Kornblume und immer mal wieder eine vorwitzige rote Mohnblüte durchbrachen nicht nur farblich die goldbraune Uniformität des Feldes, sie hielten sich auch nicht an die scheinbar verordnete Einheitsgröße. Drüber und drunter setzten sie ihre Farbakzente und boten gleichzeitig dem orientierungslosen Auge Halt. Schön so ein Feld, das scheinbar ordentlich, aber auf den zweiten Blick doch alles andere als eintönig daherkommt.

Aber da gab es auch noch ein drittes Feld, gleich neben dem Roggen und kurz vor dem Abzweig nach Sauzin. Ordnung war hier nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Hier ballte sich in wirren Haufen Heu, das, wohl am Vortag abgemäht und inzwischen getrocknet, vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, wie die Haare der Urlauber auf der Zinnowitzer Seebrücke.

Was für ein Chaos! Das müssen zumindest die Maispflanzen bei diesem Anblick gedacht haben und auch die Ähren des Roggenfeldes waren sicher der Ansicht, dass bei aller Toleranz ein wenig mehr Ordnung doch wohl angebracht sei. Schließlich kann auch in der Natur nicht alles völlig aus dem Ruder laufen. Wo kämen wir denn da hin?!

Hier Ordnung, da Chaos – hier Gleichklang, dort Disharmonie. Wie wunderbar, dass uns die Natur so viele lebensnahe Impulse liefert! Wäre doch herrlich, wenn unser Leben so geordnet verlaufen würde, wie uns das die wohlgeordneten Maispflanzen vormachen. Stressfrei, gut sortiert, alles an seinem Platz.

Zu langweilig, eintönig und dröge? Na gut, dann wenigstens ein Leben wie im Kornfeld. Harmonie mit kleinen Farbtupfern; bunten Highlights, die Abwechslung ins Leben bringen, ohne die harmonische Grundstimmung zu beeinträchtigen. Das wäre tatsächlich schön!

Und die Realität? Die ist in der Regel so ganz anders. So gleicht unser Leben nur selten einem wohlgeordneten Mais- oder einem harmonischen Kornfeld. Stattdessen bewegen wir uns mehrheitlich zwischen chaotischen, unsortierten, wirren Heuhaufen. Nie weiß man, welcher Halm einem als nächstes in die Quere kommt, durch welchen Haufen man sich gleich wieder wühlen muss oder welche Windbö das ganze Leben von einem Moment zum nächsten so richtig durcheinanderwirbelt.

Und während der Landwirt mit Sicherheit vor dem nächsten Gewitter das lose Heu in großen, gerollten Ballen zumindest in eine Art Grundordnung bringt, müssen wir mit den Heuhaufen unseres Lebens alleine klarkommen. Da gibt es niemanden, der für uns aufräumt, unser Leben in Ordnung bringt, uns gut verpackt vor Unheil bewahrt, bei Hitze bewässert oder Schädlinge von uns fernhält.

Ein Grund zu verzweifeln? Keineswegs! Wir haben zwar niemanden, der alles für uns regelt und passend macht, aber für uns als Christen ist das auch gar nicht prioritär. Im Gegenteil: Regeln haben wir von unserem „Chef“ durchaus bekommen, die uns das Leben mit- und füreinander um so Vieles leichter machen würden. Dazu gab es im Paket aber auch die Freiheit, mit diesen Regeln verantwortlich und gut umzugehen. Tun wir das, auch wenn es manchmal ein wenig mühsam ist! Und genießen wir dabei die Eigenverantwortung im Heuhaufen, das ungeordnete „Kollektiv“ und die Beweglichkeit in Gedanken und Taten, die uns als Menschen so besonders macht.

Und allen, die sich trotzdem nach einem geordneten oder auch verordneten Leben sehnen sei gesagt: Ordnung ist das halbe Leben, aber wer will schon auf die ganze wunderbare andere Hälfte verzichten?

Mit dem Wind   war alles besetzt! Nein, hier geht es heute nicht um die Strandkörbe am Hauptstrand von Zinnowitz, die besten Handtuch-Plätze ganz vorn an der Wasserlinie oder die hinteren Kirchenbänke im Sonntagsgottesdienst. Aber besetzt waren sie trotzdem alle, die Nistkästen im Garten unseres Ferienhauses. Letzte Woche war ich dort, um den Rasen zu mähen und danach gemütlich im Liegestuhl mit einer Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen die Ruhe zu genießen.

Ruhe? Von Ruhe konnte keine Rede sein! Ahnungslos hatte ich meinen Liegestuhl genau zwischen drei unserer Nistkästen aufgestellt. Und da tobte das Leben oder besser gesagt die Meisen! Ein Flugverkehr wie am Frankfurter Airport zur Rushhour. Erstaunlich eigentlich, dass es zu keinen Kollisionen kam, so ganz ohne Fluglotsen und Leitsystem.

Eine Weile sah ich den Flugkünstlern von meinem Logenplatz aus gespannt zu und – da gab es einiges zu entdecken! Während im Kasten am Holzschuppen die Vogeleltern im Minutentakt ein- und ausflogen, ging es im Kasten auf der Veranda erheblich ruhiger zu. Und im Garagenkasten wurde scheinbar nur gechillt. Dort wechselte sich das Vogelpärchen höchstens alle 20 Minuten ab. Manchmal scheiterte die Landung im Kasten sogar daran, dass das andere Elternteil noch faul im Kasten saß – so zumindest mein erster Verdacht. Aber konnte das wirklich sein? Gibt es tatsächlich einfach richtige Rabeneltern, die ihren Nachwuchs auf Diät setzen nur, weil sie zu faul sind, für Futternachschub zu sorgen?

So richtig konnte ich mir das nicht vorstellen. Also hieß es ausharren auf der Liege, noch drei Tassen Kaffee trinken, das zweite Stück Kuchen und die restlichen Kekse verdrücken, beobachten und nachdenke. Und ob es jetzt am Zuckerschock oder meinem stark erhöhten Koffeinspiegel lag: Ich habe das Rätsel gelöst!

Das scheinbar oberfaule Vogelpärchen an der Garage hatte noch gar keinen Nachwuchs. Das kuschlige Nest war gebaut, die Eier gelegt und die Eltern teilten sich das Brutgeschäft. Bei den ebenfalls noch relativ entspannten Vogeleltern, die den Kasten an der Veranda bezogen hatten, war der Nachwuchs gerade geschlüpft und dementsprechend noch relativ bescheiden in seinen Ansprüchen, was die Menge der heranzuschaffenden Nahrung betraf. Die vermeintlichen Hektiker am Holzschuppen allerdings hatten im Nest mit Sicherheit einen Haufen halbwüchsiger Schreihälse mit riesigem Hunger.

These aufgestellt und überprüft! Nein, natürlich nicht, indem ich ans Häuschen geklopft und die Vogeleltern interviewt habe. Nachschauen verbot sich ebenfalls von selbst. Es reichte aber völlig aus, neben den Augen einen zweiten Sinn einzusetzen und mal ganz vorsichtig an den drei Kästen zu lauschen. Im Garagenkaste herrschte schläfrige Stille, während an der Veranda ein zaghaftes Rumoren aus dem Kasten drang. Am Holzschuppen war dagegen schon aus der Entfernung zu hören, dass der Nachwuchs nicht nur großen Hunger, sondern auch schon einen ganz schön frechen Schnabel hatte. Annahme bestätigt und Forschungsprojekt beendet, könnte man annehmen.

Der Nachmittag im Garten hat bei mir aber nachgewirkt. Nicht nur, dass mir die Menge an Kaffee und Kuchen schwer im Magen lag – vielmehr ist mir aufgefallen, wie schnell wir immer wieder mit Schubladen zur Hand sind, ohne nach dem Warum zu fragen. Natürlich haben wir nicht die Zeit, allem auf den Grund zu gehen. So viel Kaffee, Kuchen und Liegestuhlzeit steht uns nicht zur Verfügung. Aber vielleicht sollten wir dann Vorgänge, Menschen und Verhaltensweisen auch weniger vorschnell bewerten oder verurteilen.

Und eine zweite Einsicht verdanke ich der kleinen Vogelkunde in der Einflugschneise: Alles hat seine Zeit und seinen Ort. Auch wenn es manchmal schwerfällt sollten wir versuchen, öfter im Hier und Jetzt zu leben. Das brütende Vogelpärchen weiß ganz genau, dass der Stress bald beginnt und genießt die Ruhe vor dem Sturm. Die Jungeltern versorgen den Nachwuchs noch mit gebremstem Tempo und haben dadurch später ausreichend Kraft, die Horde der Halbstarken im Dauereinsatz zu verpflegen, denn da heißt es dann wirklich nur noch „Augen zu und durch“. Wir dagegen schaffen es viel zu oft nicht, zur Ruhe zu kommen, angesichts der vielen Dinge, die zukünftig unseren vollen Einsatz erfordern.

Machen Sie doch einfach regelmäßig mal den gemütlichen Brüter! Nicht nur, aber besonders im Urlaub in St. Otto.

Der Nachmittag im Garten hat sich für mich also richtig gelohnt, trotz verrenktem Magen. Zwei Einsichten und schließlich eine dankbare Erkenntnis: Bin ich froh, dass ich keine Kohlmeise bin! Zweimal Nachwuchs in einem Sommer großziehen und danach kommt dann schon wieder der nächste kalte und futterarme Winter! Ich möchte nicht tauschen und gelobe feierlich, dass ich mich nie mehr darüber beklage, wie anstrengend Rasenmähen ist.

Mit dem Wind ... hilft nur noch ein Wunder! So hat das eine Mitarbeiterin dieser Tage in Anbetracht der Corona-Pandemie formuliert. Ja, ein Wunder wäre nicht schlecht. Aber das müsste schon etwas umfangreicher ausfallen. Ein lokal begrenztes, diffuses Wünderchen mit abgeschwächter Wirksamkeit reicht da nicht aus. Das sehen wir schon an den Impfstoffen. Was wir brauchen ist ein stattliches, weltumspannendes, ausgewachsenes Wunder. Ein Wunder, das für alle Kontinente, alle Länder, alle Menschen gleichermaßen zur Verfügung steht, das hilft, das Hoffnung schenkt, das Zukunft verheißt!

 Aber woher kriegt man so auf die schnelle ein wirkungsvolles Wunder? Und reicht eines überhaupt aus, angesichts der zahlreichen Katastrophen, die die Welt an so vielen Stellen heimsuchen, ja teilweise seit Jahrzehnten plagen und Millionen von Menschenleben kosten? Und – auch das muss man sich fragen – haben wir überhaupt ein Recht, einen Anspruch auf so eine Wunder-Tüte, wenn wir doch für die allermeisten Katastrophen selbst die Verantwortung tragen? Und schließlich: Wie verhindert man, dass so ein Wunder nicht wieder nur den Privilegierten, den „Besserverdienern“, denen, die immer auf der Gewinnerseite lauern, zur Verfügung steht?

 Fragen formulieren ist immer einfach, aber wer gibt die Antworten? Zur Thematik „Wunder“ möchte ich an dieser Stelle auf den „Wunderbeauftragten“ der katholischen Kirche verweisen. Im Nebenjob ist er auch für die anderen christlichen Kirchen zuständig. Seine Kollegen aus der Abteilung Wunder widmen sich den übrigen Weltreligionen, denn – das steht fest: Ohne Wunderbeauftragten funktioniert keine Glaubensgemeinschaft auf dieser Erde.

 Damit hätten wir die Verantwortlichkeit also schon mal geklärt. Das ist ja immer besonders wichtig für uns Menschen. Aber jetzt wird es schwierig. Es gibt nämlich keinen Rechtsanspruch auf ein Wunder. Wir können das Fehlen eines in unseren Augen dringend benötigten kleinen oder großen Wunders nirgendwo einklagen. Auch die über viele Jahrtausende Menschheitsgeschichte praktizierte Form des Opferns hatte keinen nachweislichen Einfluss auf die Häufigkeit oder das Eintreffen von Wundern im Allgemeinen.

 Wir können keine Wunder erzwingen, einfordern oder gar planen. Wunder passieren. „Wunder gibt es immer wieder …“, heißt es im Schlager – aber selbst der verweist darauf, dass sie „heute oder morgen“ geschehen können und legt sich dabei nicht fest. Unser Wunderbeauftragter lässt sich eben nicht in die Karten schauen, beeinflussen oder gar zum Handeln zwingen, und das ist gut so. Denn wenn wir Menschen wüssten, auf welche Art und Weise man bei Bedarf günstig an ein Wunder gelangen könnte – wir würden mit diesem Wissen genauso unverantwortlich umgehen, wie mit so Vielem, das uns anvertraut wurde. Das einzige unverwechselbare Merkmal, das alle Wunder eint, ist die Tatsache, dass sie immer, aber auch wirklich immer, unerwartet eintreffen. Darauf kann man sich verlassen!

 Jetzt also die Hände in den Schoß legen und verzweifeln, weil wir so gar nichts tun können, damit ein dringend benötigtes Wunder endlich eintrifft? Völlig falsche Entscheidung! Das Gegenteil ist der Fall. Weil wir nicht wissen, wann uns – und ob überhaupt – ein Wunder unterstützend zu Hilfe eilt, ist es wichtig, dass wir handeln. So viele Dinge, die auf dieser Erde in die falsche Richtung laufen, ließen sich bequem durch ein Wunder erledigen. Das Leben ist aber nicht bequem, und der Wunderbeauftrage ist auch kein Wellnessmanager, dessen Job es ist, uns das Leben so einfach und angenehm wie möglich zu gestalten. Er will – und davon bin ich fest überzeugt – dass wir uns selber anstrengen, um aus dieser Welt eine bessere zu machen. Er verspricht uns nicht den Himmel auf Erden, den wir uns so oft wünschen, sondern erwartet vollen Einsatz. Für das Gute, für seine Sache, für unsere Mitmenschen, für die Schöpfung. Wenn er den sieht – und auch daran glaube ich ganz fest –, dann schickt er auch mal ein Wunder auf den Weg. Vielleicht nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben, und oft auch völlig unbemerkt, aber in jedem Fall sitzt er nicht in seinem Büro, spitzt Bleistifte an und lässt uns wunderfrei in Hoffnungslosigkeit verfallen.

 Lassen Sie uns also aktiv und hoffnungsfroh in die Zukunft blicken und tatkräftig anpacken, wo es um die gute Sache geht. Wunderbar, wenn uns dann so ein unerwartetes Wunder zur Seite springt. Wenn nicht, dann ist unser Wunderbeauftragter mit Sicherheit gerade an einer anderen Stelle seiner Schöpfung gefordert. Darauf können wir vertrauen.

 In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen wunderbaren Mai! Und halten Sie die Augen und Ohren offen, für all das Schöne, das Gott uns schenkt: Denn …

 „Wunder gibt es immer wieder,

wenn sie dir begegnen

musst du sie auch sehn.“

                                                                                                   Katja Ebstein/“Wunder gibt es immer wieder“ 

Mit dem Wind …  einfach alles hinter sich lassen! Das geht ganz prima, wenn der Wind mal so richtig von hinten schiebt. 30 oder auch 40 km/h sind dann auch auf dem nicht motorisierten Fahrrad überhaupt kein Problem. Ein herrliches Gefühl, wenn die Landschaft förmlich an einem vorbeifliegt und alles, aber auch wirklich alles hinter einem zurückbleibt: Der Ärger des Tages. Die ganzen unerledigten Dinge, die Alltagssorgen, üble Krankheiten und Viren. Einfach all die Dinge, die uns im Leben so oft runterziehen, ausbremsen, den Tag vermiesen. Alles fällt wie weggeblasen von einem ab, wie der Kokon einer Raupe oder die Eierschale, die das Osterküken hinter sich lässt. Schon erstaunlich, wie einfach man dem ganzen Ballast davonradeln kann, der einem normalerweise bleischwer an Körper, Geist und Seele zu hängen scheint

Und wenn man schließlich anhält? Kommt dann alles einfach zurückgeschwappt? Holt uns der hauseigene Problem-Müllberg wieder ein oder begräbt er uns gar wie eine Monsterwelle unter sich, um uns für unseren Fluchtversuch zu bestrafen? Denn abgeschüttelt, das wissen wir, haben wir die Probleme auf dem Rad nicht. Dafür ist auch der stärkste Rückenwind zu schwach.

Ist also dieses wunderbare Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit im Moment des Anhaltens nur noch ein laues Lüftchen in unseren Erinnerungen? Nein! Auf eine ganz eigentümliche und unerklärliche Weise wirkt der Rückenwind nach, beflügelt uns manchmal sogar beim Lösen einzelner Probleme und lässt andere längst nicht mehr so bedrückend und übermächtig erscheinen. Schließlich hat man sie ja unterwegs ganz prima abhängen können. Zumindest für eine Weile. Und wenn das auf dem Rad mit so einem bisschen Rückenwind gelingt, dann kann es doch auch nach dem Anhalten und Absteigen nicht so schwer sein, die Dinge besser in den Griff zu bekommen.

Der Trick mit dem Rückenwind funktioniert übrigens auch auf dem Surfbrett, mit dem Segelboot, beim entspannten Joggen oder sogar – wenn auch nicht unbedingt umweltfreundlich – auf dem Motorrad oder im Auto. Da ist dann auch die Windrichtung relativ egal. Nur die Straße sollte frei sein, denn im Stadtverkehr versperren zu viele Hindernisse, Ampeln und Vorfahrtsregeln den fliegenden oder auch fliehenden Gedanken den Weg.

Aber ist das eigentlich gut und richtig? Darf man vor seinen Problemen einfach so davonradeln? Sich aus dem Staub machen und alles hinter sich lassen? Jesus hat das doch auch nicht gemacht. Er ist nicht davongelaufen! Dabei hatte er durchaus Optionen. Statt Gethsemane, Verurteilung und Kreuzigung hätte er einfach rechtzeitig auf einer Wolke Platz nehmen können, für ordentlichen Aufwind gesorgt und –Huiii – hätte er den ganzen Ärger auf dieser Erde unter und hinter sich gelassen. Kein Verrat, keine Folter, kein Kreuz – aber auch keine Auferstehung, kein Ostern.

Er hat sich für den schweren Weg entschieden. Sei es aus Fürsorge und Liebe zu uns Menschen, aus Pflichtbewusstsein gegenüber Gott, im Bewusstsein um seine Rolle und Verantwortung im Kontext der Heilsgeschichte oder aus einem ganz anderen Grund. 

Einfach abhauen oder wegradeln war schon damals keine Lösung. Das wusste Jesus und das wissen wir. Wirklichen Problemen kann man nicht entkommen. Das schaffen nicht einmal die Astronauten mit ihrer Rakete oder Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko. Durchaus hilfreich und legitim ist es aber in meinen Augen, sich ab und an Luft zu verschaffen, den Rückenwind zu nutzen, um durchzuatmen, die Fesseln abzustreifen, um sich zu strecken und zu dehnen – und so einen klaren und unbelasteten Blick auf das gesamte Problemgemenge hinter sich werfen zu können. Und selbst wenn dann die Analyse der Problemlage in ein „Augen zu und durch!“, mündet, dann heißt es: Vom Rad absteigen! Aufrichten! Allen Mut zusammennehmen und Problem angehen! Das alles sollte uns als Christen möglich sein, im festen Wissen darum, dass auf jeden Karfreitag das Osterfest folgt.

Nehmen Sie also den ersten warmen Frühlingswind in ihrem Rücken dankend an. Denken Sie nicht an den Gegenwind, denn der kommt früh genug. Tanken Sie stattdessen beim Dahingleiten Kraft und Mut, und nutzen Sie die Chance, um einen klaren Blick auf sich und die Welt zu gewinnen! Frohe und gesegnete Ostern!

Mit dem Wind … den richtigen Halt suchen. Ja, aber was ist es, das mich hält? Mein Hund braucht sich diese Frage nicht zu stellen. Der hängt ganz einfach an seiner Leine und fühlt sich richtig gut dabei. Er muss sich nicht dauernd umschauen, ob sein Rudel auch wirklich folgt, ob Herrchen vielleicht verlorengeht und um den Rückweg zum heimischen Fressnapf muss er sich auch nicht kümmern. Manchmal denke ich, er sieht das Leinen-Verhältnis ganz anders als ich. Nicht er hängt an der kurzen Leine, sondern ich bin angeleint. Was hält mich? Wer hält mich?

Da steht ein altes, halb verfallenes Haus an der Kreuzung in Mahlzow. Das Dach aus Reed und Blech zusammengeschustert und doch halb eingestürzt. Die eine Seitenwand aus Ziegelsteinen lehnt an der Holzwand der Giebelseite. Duzende Balken und Holzpfähle stützen von außen. Seile und Schnüre waren gespannt und sind längst zerrissen und das Haus steht trotzdem. Eine Ruine. Aber wer stützt da eigentlich was? Hält die Ziegelwand die Holzseite und wäre die nicht wiederum längst eingestürzt, wenn nicht der Dachstuhl auf ihr lasten würde? Oder verharrt das Gerippe aus Reed und Blech nur deshalb in luftiger Höhe, weil es sich beim Versuch zusammenzubrechen so ineinander verkeilt hat, dass es gar nicht mehr einstürzen kann? Was hält uns? Wer hält uns? 

Unser Leben ist eine ständige Suche nach Halt, nach Stütze und Stabilität. Und gleichzeitig wollen wir nicht festgehalten werden, streben nach Freiheit, Selbstständigkeit und verabscheuen die Kontrolle durch andere. Wie mein Hund übrigens. Wenn Abenteuer oder Leckereien am Wegesrand locken, dann würde er liebend gern auf den Halt der Leine verzichten. Wenn sich allerdings der große, böse Wolf nähert, dann traut er sich dieses Monster nur deshalb heldenhaft zu verbellen, weil er seinen vermeintlichen Beschützer direkt und gut angeleint hinter sich weiß. 

Ein sicherer Halt macht mutig. Ein Halt, auf den ich mich verlassen kann, stellt die Basis dar, um Neuland zu erkunden. So ein Haus mit einem guten, festen Fundament verfügt über einen Halt, der einem Zelt oder einer Holzhütte fehlt. Eine glückliche Familie kann den Kindern viel Halt vermitteln, bei deren Start ins Leben. Ein guter Job und das Wissen um ein gesichertes Einkommen geben Selbstvertrauen und lassen optimistisch in die Zukunft schauen. Und doch: Oft kommt alles ganz anders. Da ist der so sicher geglaubte Job auf einmal in Gefahr, weil die Firma umstrukturiert wird. Eine Familie zerbricht durch Trennung, Krankheit oder gar den Tod eines Partners. Die Leine, die so fest und wichtig war, reißt ganz unvermittelt. Manchmal kommt diese „Haltlosigkeit“ plötzlich und unerwartet. Oft kündigt sie sich allerdings schon lange vorher an. Die splissige Leine, die man schon längst ausgetauscht haben wollte, das Haus, in dessen Pflege und Erhaltung man in den letzten Jahrzehnten weder Zeit noch Geld investiert hat, oder auch die Beziehung, die seit Jahren mehr Zweckgemeinschaft als Partnerschaft ist. Viel zu oft schauen wir dem Verfall einfach zu, ignorieren aus Bequemlichkeit, Zeitmangel, Desinteresse oder vielen anderen Gründen den Zustand unseres Ankers. Und dann wundern wir uns, wenn das Seil unvermittelt reißt, uns der Halt wegbricht und unser sicher geglaubtes Lebensgebäude in sich zusammenstürzt.

 Daraus zu folgern, dass wir ständig angsterfüllt unsere Umgebung auf Standfestigkeit, Bindungskraft, Verlässlichkeit oder Perspektive hin überprüfen und für den Fall der Fälle mindestens fünf „Ersatzknotenpunkte“ in der Hinterhand haben sollten, wäre der völlig falsche Ansatz. Etwas mehr Achtsamkeit, Pflege, Wartung oder auch Sanierung anstatt alles bequem auszusitzen oder substanzielle Probleme schönzureden hat allerdings schon manches Haus erhalten, hat Beziehungen vor dem Zerbrechen bewahrt und so den Halt gesichert, den wir alle brauchen.

Halt gibt es nicht umsonst. Während die Bremsen im Auto regelmäßig vom TÜV auf ihre Funktion, ihre „Haltefähigkeit“ hin überprüft werden, sind wir für viele andere Sicherheits- und Haltevorrichtungen in unserem Leben selbst verantwortlich. Schimpfen wir also nicht auf den Hersteller oder den Hund, wenn die Leine reißt. Klagen wir nicht den Partner an, wenn die Beziehung in die Brüche geht. Fluchen wir nicht vorschnell auf die Baufirma, wenn unser Haus einstürzt. Fragen wir uns stattdessen lieber, was wir eigentlich zum Erhalt der Beziehung, des Hauses oder meinetwegen auch der Hundeleine beigetragen haben. Und das am besten rechtzeitig, denn manchmal gibt es – wie beim Fallschirm – noch eine zweite Leine, eine zweite Chance bevor alles in zerreißt oder in sich zusammenstürzt.

 Und wenn so ein wichtiger Halt dann schließlich doch, trotz liebevoller Pflege, sorgfältiger Wartung und viel Zuwendung und Aufmerksamkeit - oder auch ganz plötzlich - wegbricht? Dann gibt es da natürlich noch den Halt, der uns Christen unser ganzes Leben begleitet. Oft ist er ganz tief unter all dem Alltagströdel, der uns umgibt, vergraben und muss zunächst mühsam gesucht und vielleicht auch erst einmal aktiviert werden. Manchmal liest sich die Gebrauchsanleitung zunächst etwas mühsam, aber im Grunde ist sie auch für den Laien leicht verständlich. Ja und schließlich braucht es Mut, einem eher antiquierten und aus der Mode gekommenen Halte- und Sicherheitssystem zu vertrauen.

Aber glauben Sie mir: Das System hält, was es verspricht! Anwendungsfehler können nahezu ausgeschlossen werden und auch die Nebenwirkungen sind vollkommen unschädlich.

Mit dem Wind … ab in die nächste Welle. Die nächste Welle? Im Februar? Der spinnt wohl! Das zumindest denke ich immer, wenn ich die Eisbader bei ihren Events beobachte. Keine 10 Seehunde würden mich dazu bringen, mit Anlauf und voller Absicht in die 2°C kalte Ostsee zu springen. Brrrr! Allerdings: Gut ausgerüstet, mit Gummistiefeln und dicken Socken, kann ich mir auch im Winter eine vorsichtige Begegnung mit dem eiskalten Nass vorstellen. 

Natürlich muss man sich sehr in Acht nehmen. Nicht dann, wenn die Ostsee wieder einmal spiegelglatt, wie ein ausgeschalteter Flachbildschirm oder eine schläfrige Flunder, in den spärlichen Wintersonnenstrahlen badet. Das kommt in den Wintermonaten aber eher selten vor. Denn Dezember, Januar und Februar sind die Monate, in denen sich selbst die Ostsee, die kleine Schwester von Nordsee und Atlantik, mal so richtig ins Zeug legt und zeigt, was sie in den Fächern „Sturmbrausen“, und „Wellenberge auftürmen“ schon so alles gelernt hat. 
 Bei nasskalter, stürmischer Witterung kann die Begegnung zwischen Gummistiefel und Welle schon mal zu einer echten Herausforderung für den beschuhten Wasserfreund werden. Wellen, die sich dem Strand nähern, sind nämlich vor allem Eines: Unberechenbar! Zumindest auf den ersten Blick. Aber ganz so mysteriös und überraschend ist die Welt der Wellen dann doch nicht, und damit der nächste Strandausflug bei Sturm nicht mit einem überfluteten und eiskalten Gummistiefel endet, gibt es an dieser Stelle die „Kleine Wellenkunde Teil 1“. Praxiserprobt natürlich und mehrfach evaluiert. 

Beginnen wir mal mit den richtigen Brechern, die mit einem mächtigen Aufschlag auf den Strand rollen. Kurz vor dem Ufer schlagen sie tosend um und rollen mit mächtiger Geschwindigkeit und ohne Rücksicht auf Verluste den Strand hinauf. Da hilft nur die rasche Flucht, will man nicht im nächsten Moment bis zum Knie im Wasser stehen. Zum Glück sind diese Brecher meist rechtzeitig zu erkennen. Wer aufs Meer schaut, sieht sie heranrollen, und wer seine Augen mit Suche nach Bernsteinen schon gut ausgelastet hat, der sollte zumindest die Ohren spitzen. Die richtig ordentlichen Wellen sind nämlich nicht nur imposante Erscheinungen, sondern auch entsprechend laut, wenn sie umschlagen. Beim Zurücklaufen ins Meer behindert so ein Brecher dann allerdings auch seine Nachfolger, bremst sie aus und man ist für einige Augenblicke in Sicherheit vor neuem Ungemach. Alles in allem gilt: Große Wellen kann man rechtzeitig erkennen und größeres Unheil mit etwas Aufmerksamkeit gut verhindern.
 Jetzt gibt es aber auch die Teamarbeiter unter den Wellen. Nicht besonders groß, nicht laut, nicht eindrucksvoll – aber umso nachhaltiger. Meist sind sie es, die für die nassen Füße sorgen, denn sie werden nur allzu oft unterschätzt. Vorausgeschickt wird ein kleines, unschuldiges Wellchen. Aber bevor das den Strand erreicht, sich dort totläuft und langsam zurück ins Meer fließt, nimmt es eine zweite und gern auch eine dritte Welle huckepack mit auf den Weg. Mit Vorliebe dann auch die etwas kräftigeren Exemplare. Wie bei einem Staffellauf rollt dann zuerst das kleine Wellchen auf den Strand, übergibt rechtzeitig den Staffelstab an Nr. 2 und für den Schlussläufer, die Welle Nr. 3, ist es dann ein Leichtes, den Fuß des unvorsichtigen Strandläufers zu erreichen. Wasser im Schuh – Ziel erreicht! Ich habe das ein oder andere kleine Wellenpaket schon amüsiert kichern hören, wenn es nach erfolgreicher Arbeit sanft und ohne großen Aufruhr wieder ins Meer zurückgeflossen ist.

Wellen haben derzeit nicht unbedingt Hochkonjunktur, was ihren Beliebtheitsgrad betrifft. Das liegt aber weniger am Wasser als vielmehr an der flexiblen Verwendung des Begriffs in anderen Bereichen. Darüber möchte ich aber an dieser Stelle nicht nachdenken. Das tun wir schon den ganzen Tag und mindestens die halbe Nacht. Nehmen wir die Ostseewellen, wie sie sind – und doch an der ein oder anderen Stelle unseres Lebens zum Anlass, nicht gleich die ganz große Keule oder den Hammer auszupacken, sondern uns nach einem erfolgsversprechenden Team umzuschauen, um die Probleme und Aufgaben, die uns das Leben stellt, zu bewältigen. 

 

 Mit dem Wind … sind sie sooo schnell wieder weg. Die guten Vorsätze für 2020. Aber immerhin gab es sie mal – vor einem Jahr. Bestimmt! Denn gute Vorsätze gehören so fest zu Silvester und dem Jahreswechsel wie die Christmette zur Heiligen Nacht. Manche Menschen verzichten ja in vorauseilendem Pessimismus schon seit Jahren darauf, gute Vorsätze zu Beginn eines jeden neuen Jahres zu fassen. „Wird eh nix draus!“ „Alles nur Selbstbetrug!“ „Hab ich in den letzten Jahren auch nicht durchgehalten!“ Und sie haben auch gleich die passenden Belege für ihre defätistische Einstellung parat: Da der Hinweis auf die Waage, die anstatt der geplanten 5 Kilo weniger sogar 3 Kilo mehr anzeigt als zu Silvester vor einem Jahr. Dort der Glimmstängel, der weiterhin problemlos zum Anzünden der Böller verwendet werden kann, denn der gute Vorsatz das Rauchen einzustellen, ist wieder mal gescheitert. Oder der völlig überflüssige alljährliche Kater am Neujahrsmorgen, weil man am Silvesterabend mal wieder vergessen hat, dass sieben Gläser Feuerzangenbowle im Mix mit Bier, Wein und weiß der Teufel wie vielen sonstigen alkohöllischen Gemischen einfach unverträglich sind. 

Monumente und Zahlen des Versagens, der persönlichen Niederlage, die ganz klar zu beweisen scheinen, dass gute Vorsätze nur Schall und Rauch oder Knall und Feuerwerk sind. Verpufft schon mit der letzten Rakete um 1:23 Uhr oder spätestens verraucht, im trüben Grau der immer noch schwarzpulvergeschwängerten Luft eines silvestermüden Neujahrstages.

Erinnern Sie sich noch daran, was 2020 auf Ihrer persönlichen „Gute-Vorsätze-to-do-Liste“ stand? Ich habe es tatsächlich vergessen, kann also gar nicht überprüfen, ob sich aus irgendeinem Ansatz etwas Positives entwickelt hat. Irgendwie peinlich. Haben die Zweifler vielleicht recht? Sind die guten Silvestervorsätze nichts anderes als das Bleigießen, Miss Sophies 90ster Geburtstag, die Zigarre zur ersten Rakete oder das Knallbonbon mit Binsenweisheit? 

Ja und Nein, meine ich. Wenn man die guten Vorsätze tatsächlich ohne großes Nachdenken, wie einen Böller entzündet, dann zerplatzen sie mindestens ebenso schnell, hinterlassen bestenfalls einen üblen Geruch oder Ohrenschmerzen und liegen spätestens am Neujahrstag wie die Papierfetzen des letzten Böllers in einer schmutzigen Pfütze aus geschmolzenem Schnee und verschüttetem Sekt. Solche Vorsätze haben eine denkbar geringe Halbwertzeit.
Es gibt aber auch die anderen. Die Vorsätze, die nicht aus einer spontanen Laune heraus entstehen, sondern schon lange in uns schlummern und von der nahenden Böllerflut zu Silvester aus ihrem Dornröschenschlaf gesprengt werden. Decke wegziehen und der Realität unverhüllt ins Auge schauen! Das ist die erste Voraussetzung – und die hört sich leider viel leichter an, als sie es ist! Um einen guten Vorsatz zu fassen und etwas (ver-)ändern zu wollen, bedarf es nämlich zunächst des Eingeständnisses, dass Veränderung tatsächlich Not tut. Dies fällt uns meist unendlich schwer, denn ein „Weiter so“ scheint fast immer der einfachere Weg zu sein. Und nach der Einsicht? Kommt das Handeln! Und während für die Erkenntnis schon eine ordentliche Portion Mut zur Selbstreflexion erforderlich ist, steht vor dem Handeln ein ganzer Berg von Ausreden, Entschuldigungen und Ausflüchten.

Neu ist das jetzt alles nicht wirklich, und – ganz ehrlich – oft, sehr oft, scheitere ich schon am ersten Hindernis. Das ist aber gar nicht schlimm. Denn wenn es so einfach wäre, gute Vorsätze auch umzusetzen, dann könnten wir uns das ganze Gewese darum sparen und einfach „machen“. Ist es aber nicht. Und gerade deshalb ist es wichtig, die Vorsätze nicht nur lapidar, so nebenbei zwischen zwei Raketenstarts zu zünden, sondern durchaus gründlich darüber nachzudenken, was ich mir da zumuten will. Und dann – versprechen will ich Ihnen aber nichts – gelingt es vielleicht doch, den ein oder anderen Vorsatz 2021 zu realisieren. Und eventuell erinnere ich mich ja an meine guten Vorsätze aus dem letzten Jahr deshalb nicht mehr, weil ich sie inzwischen alle umgesetzt habe und sie mir so alltäglich und gar nicht mehr besonders erscheinen …

„Think positiv!“ Das ist es, was wir gerade am Beginn dieses Jahres besonders beherzigen sollten. Positiv denken, gründlich gute Vorsätze fassen, Mühe und guten Willen investieren und nicht verzweifeln, wenn das am Ende vielleicht nicht ganz ausreicht. Da gibt es dann noch einen, der immer mal völlig unerwartet Erste Hilfe leistet: beim Vornehmen, beim Umsetzen, beim Durchhalten, beim Mut haben, beim Nichtvergessen – beim Glauben!

 

Mit dem Wind … das Leben teilen. Und nein – es geht hier mal nicht ums Abgeben! Der heilige Martin, der hat seinen Mantel geteilt. Und an vielen Stellen des Neuen Testaments ruft Jesus zum Teilen auf, mahnt Selbstlosigkeit und Großzügigkeit immer wieder an. Und es ist ja sogar möglich, das Leben zu teilen, mit einem Partner oder einer Partnerin. In guten wie in schlechten Zeiten - wenn man Glück hat und an sich arbeitet. Sich „mitteilen“ wäre auch noch eine Option. Also etwas Sinnvolles oder Nützliches von sich geben und andere daran teilhaben lassen. Zugegeben: Nicht immer ist der Empfänger automatisch glücklich darüber, was ihm so mitgeteilt wird, aber das ist ein anderes Problem. 

 Für uns als Christen oder auch für den praktizierenden Humanisten ist in jedem Fall der Begriff des Teilens zunächst einmal positiv besetzt. Die Bereitschaft zu teilen unterscheidet uns von Egoisten, Geizhälsen oder selbsternannten Ich-AGs.

Und trotzdem sage ich an dieser Stelle „Nein“: Das Leben kann man nicht teilen! Aber leider wird gerade das viel zu häufig versucht. Sie kennen alle das Gefühl der Zerrissenheit, wenn Sie versuchen, ihre Aufmerksamkeit, Lebenszeit und Energie zwischen unterschiedlichen Bereichen, Aufgaben, Terminen oder Anforderungen aufzuteilen. Meist schafft man weder das Eine noch das Andere so, wie man sich das vorgestellt hat. Im Gegenteil: Regelmäßig wird einem vorgehalten, was noch fehlt, wo man unzureichend oder unzulänglich agiert hat oder im schlimmsten Fall bekommt man absichtliche Nachlässigkeit attestiert. „Das liegt an der fehlenden Organisation, am mangelhaften Zeitmanagement und der falschen Priorisierung“, wird man Ihnen bei einem entsprechenden Coaching erklären. Und der Psychologe, den Sie in ihrer Verzweiflung vielleicht aufsuchen, hat auch einen guten Rat zu Hand: „Denken Sie zuerst an sich! Finden Sie heraus, was Ihre Bedürfnisse sind und vor allem: Trennen Sie Privatleben und Beruf, Arbeit und Erholung!“ Vielleicht gibt es auch noch den guten Freund, der helfen will: „Du musst wieder mehr für dich machen!“, lautet der wohlmeinende Rat – und verpasst Ihnen damit den nächsten Arbeitsauftrag. 

Alle diese Ratschläge sind sicher nicht falsch. Nicht umsonst gibt es Coaches, Therapeuten und gute Freunde – wobei nur letztere ihren Rat gratis verteilen. Aber ist das Leben wirklich aufteilbar, in privat und beruflich, Freizeit und Arbeit, Partner, Kinder, Freunde und, und, und? Auf dem Papier sicher, aber in der Realität? Ordnen, ja das geht und hilft bestimmt, um ab und an Licht ins Chaos des Lebens zu bringen. Aber aufteilen, wie rechts oder links, schwarz oder weiß, Eis oder Chips, Krimi oder Schnulze? Das funktioniert nicht! Liegt schon daran, dass das Leben nicht statisch, sondern immer in Bewegung ist. Das Leben anhalten, um sich mal einen Überblick zu verschaffen? Keine Chance! Versuchen Sie mal, einen Wasserfall anzuhalten oder Ordnung in einen Strudel zu bringen. Das Leben ist viel zu komplex für alle Ordnungs- und Ablagesysteme, die uns zur Verfügung stehen.

Gerade bei der immer wieder geforderten Trennung von Beruf- und Privatleben wird unser Dilemma besonders deutlich: Auch, wenn kein Familienbild mehr auf dem Schreibtisch steht -  lege ich deshalb meine privaten Gedanken am Eingang des Betriebes neben der Zeiterfassung in ein Körbchen? Und wenn ich zu Hause keine Dienstmails lese und auch das Diensthandy in der Jackentasche lasse – fallen dann alle ungelösten beruflichen Probleme vor der Haustür von mir ab und räkeln sich dort entspannt im Gras, bis ich sie am nächsten Morgen wieder aufsammle? Schön wäre es manchmal, aber so funktioniert das Leben nicht. Und weil das so ist, weil Leben eben nicht teilbar ist, nützt es auch nichts, wenn ich verbissen versuche zu teilen, was unteilbar ist, zu sortieren und zu trennen, was zusammengehört. Genauso wenig, wie ich selbst als Multitaskinggenie mehreren wichtigen Aufgaben gleichzeitig gerecht werden kann, genauso wenig kann ich mein Leben präzise filetiert in vorbildlich sortierte Schubladen verteilen, die ich – ganz nach meinem Bedarf – öffne und schließe. 

Ordnung ist das halbe Leben – aber eben nur das halbe. Der Rest ist Chaos, ist Lebendigkeit, ist ungeplant und auch mal anstrengend, ist abwechslungsreich und überraschend, fordernd und spontan – und gehört zu meinem ganzen Leben.

Gehen Sie sorgsam mit Ihrem Leben um! Es ist Ihr Leben! So einzigartig, so persönlich, so individuell, chancenreich, großartig und ein Geschenk! Herzlichen Glückwunsch!