Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Oktober 2022

Mit dem Wind ...      

…  ist er schon wieder vorbei, der Sommer mit seinen langen, hellen Tagen voll von Sonnenschein, luftiger Kleidung und ausgelassener Urlaubsstimmung. Das Herbstgrau steht mit Regenjacke und Kapuze, Schal und wetterfesten Schuhen schon mit einem Gummistiefel in der Türe. Obwohl: Graue Miesepeter-Kleidung ist in der dunklen Jahreszeit eher nicht zu empfehlen. Die schlägt zusätzlich aufs Gemüt. Hell und bunt sollte die Herbstgarderobe daherkommen oder zumindest über den ein oder anderen leuchtenden Reflektor verfügen.
Ja und ans Rad gehört natürlich eine ordentliche Beleuchtung. Sehen und gesehen werden heißt die Devise, und dabei geht es in diesem Fall absolut nicht um persönliche Eitelkeiten, sondern ausschließlich ums Überleben.
Nun habe ich eigentlich gar nichts gegen den Herbst. Bunte Blätter und goldene Herbstsonne, weniger Autoverkehr, kürzere Tage und längere Abende, an denen man es sich mit Lesen, Klönen oder einem zünftigen Kartoffelfeuer wunderbar gemütlich machen kann. Was gibt es Schöneres, nach einer anstrengenden und oft hektischen Sommersaison?
Aber eine Sache stört mich doch am Herbst, am Winter und überhaupt an der dunklen Jahreszeit: Die Menschen werden unsichtbar! Also nicht, dass sich alle ab Oktober urplötzlich in Luft auflösen würden. Die sind schon noch da. Aber eben versteckt. In dicken Jacken, unter Mützen und Kapuzen, in Autos, Bahnen und Bussen. Und genau deshalb werden meine Mitmenschen so seltsam gesichtslos. Während mir im Sommer, auf meinem Weg zur Arbeit, gefühlt die halbe Insel – Schülerinnen und Schüler, die arbeitende Bevölkerung oder auch die „Lärchen“ unter unseren Urlaubern – radelnd und freundlich grüßend entgegenkommt, bin ich im Winterhalbjahr fast immer allein unterwegs. Und auch die Autofahrer, die im Sommer freundlich hinter ihren Windschutzscheiben lächeln oder winken – im herbstlichen Dunkel bleibt davon nichts als das Blendlicht der Scheinwerfer.
Gesichter, Lächeln, Gute-Laune-Morgenbooster? Fehlanzeige! Ja nicht einmal mehr die Rehe oder Vögel sind zu sehen. Denn glitzernde Reflektoren oder eine bunte Lichterkette für Fell und Federn haben sich in der Tierwelt bisher nicht durchgesetzt, sieht man mal vom blinkenden Halsband ab, dass sich Waldi oder Fiffi aber mit Sicherheit nicht selbst übergestreift hat.
Was bleibt mir also anderes übrig, als einsam durch das trübe Morgendunkel zu radeln? Motiviert und angetrieben einzig und allein von der Aussicht auf einen heißen, schwarzen Kaffee im Büro.
Es gibt allerdings noch eine andere Möglichkeit. So Vieles, was wir nicht sehen, ist doch trotzdem vorhanden. Unser Herz zum Beispiel. Das schlägt, wir fühlen es zwar manchmal, aber bei der Arbeit zuschauen können wir ihm bestenfalls mithilfe eines Ultraschallgeräts. Oder die Liebe eines Menschen. Klar, kann man versuchen, sie durch Gesten, Geschenke oder Worte auszudrücken und so ein klein wenig „sichtbarer“ zu machen. Aber das sind nur äußere Zeichen für ein Gefühl, das uns oft auch ganz ohne solch greifbare Verstärker über Jahre, ja im besten Fall Jahrzehnte oder auch ein ganzes Leben lang trägt.
Und schließlich Gott. Den haben wohl die wenigsten von uns schon mal persönlich getroffen. Das brauchen wir auch gar nicht. Wir glauben, nein, als Christen wissen wir, dass es ihn gibt. Das reicht, um uns sicher, geborgen und angenommen zu fühlen, mit ihm zu sprechen, ihn anzurufen und seine Stimme zu hören. Blickkontakt zu Gott? Überflüssig! Ist doch auch völlig egal, wie der aussieht. Hauptsache, er ist da. Und das ist gesetzt!
Die Menschen in den Autos, denen ich im Morgendunkel begegne, lächeln im Herbst und Winter vielleicht genauso freundlich, wie im Sommer. Nein, ganz bestimmt tun sie das! Auch wenn sicher an der ein oder anderen Stelle hinterm Steuer auch der Kopf geschüttelt wird, über diesen „Verrückten“, der da bei Wind und Wetter durch die Dunkelheit strampelt.
Wir sind so ungeheuer abhängig von äußeren Zeichen, von Symbolen, vom Sehen. Was wir nicht sehen, das ist nicht da, das gibt es einfach nicht. Im unsichtbaren Dunkel lauern ausschließlich Gefahren. Das haben wir so gelernt. Dabei wissen wir es eigentlich besser. Nur fehlt es uns oft an Mut, Glauben und nicht selten an einer positiven Lebenseinstellung.
Ich zumindest werde in den kommenden Monaten freundlich in die Autoscheinwerfer lächeln und mir ganz einfach vorstellen, wie aus der Fahrerkabine zurückgelächelt, gewunken und gegrüßt wird. Das motiviert! Auch im stärksten Südweststurm, im Hagelschauer, im Platzregen. Und dann wartet da im Büro ja auch noch der warme Kaffee …