Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Juni 2022

Mit dem Wind...      

… und mit den Wellen wird es an Usedoms Strände gespült, das Gold der Ostsee, der Bernstein. Wer aber nun meint, dass ein gemütlicher Strandbummel ausreicht, um mit prallen, bernsteingefüllten Hosentaschen nach Hause gehen zu können, der irrt. Nicht wenige Urlauber reisen nach zwei Sommerferienwochen auf Usedom enttäuscht ab, ohne einen einzigen Bernstein im Gepäck. Im schlimmsten Fall verfolgt sie noch auf dem Heimweg der Spott ihres Vermieters, der die gelblich glänzenden Kostbarkeiten, die sie ihm nach einem ihrer langen Strandwanderungen stolz präsentierten, mit Kennerblick als stinknormale Steine identifiziert und schallend gelacht hatte.
Ja, es ist tatsächlich gar nicht so einfach, Bernstein zu finden. Erst einmal muss ein kräftiger Sturm aus der richtigen Richtung her, damit die Klunker aus der nördlichen Ostsee oder dem Baltikum den Weg an unsere Strände finden. Ja und dann gibt es auf Usedom eine Menge ausgefuchster, ja fast professioneller Bernsteinjäger, die noch im Morgengrauen die dicksten Brocken vom Strand sammeln, wie erfahrene Pilzsucher die besten Stellen kennen und genau wissen, bei welcher Wetterlage sich das frühe Aufstehen lohnt.
Da bleiben in der Regel nur noch die Krümel übrig, für die urlaubenden Strandläufer, die hochkonzentriert jedes Steinchen, jede Muschel, die nur irgendwie goldig glänzt, hoffnungsfroh aus dem seichten Wasser fischen.
Kein Wunder also, dass mach glückloser Tourist seinen Bernstein aus Frust schließlich im örtlichen Souvenir-Shop oder gleich, entsprechend bearbeitet, beim Schmuckhändler ersteht. Erinnert irgendwie an die glücklosen Angler, die auf dem Nachhauseweg eine Makrele beim Fischhändler erwerben. Möglichst frisch geräuchert, denn so schmeckt sie der Familie am besten. Beim Abendbrot wird dann ausführlich der heftige Kampf mit dem Fisch an der Angel geschildert. Manchmal kommt man mit solchen Geschichten auch tatsächlich durch. Wenn wohlgesonnene Zuhörer ihre Sinne in erster Linie auf den leckeren Fisch rausrichten oder ein etwas naiver Laie beim Anblick des schön gefassten Bernsteins, der „genau so“ einfach am Strand gelegen hat, sofort ins nächstgelegene Reisebüro läuft, um einen Usedom-Urlaub zu buchen.
Aber es gibt sie durchaus, die Glückspilze, die nicht nur die dicksten Fische aus einer trüben Pfütze ziehen, im Herbst wie selbstverständlich mit einem prall gefüllten Korb makelloser Steinpilze aus dem Wald kommen und bei denen zu Hause ein gut gefülltes Einmachglas mit wunderschönen Bernsteinen auf dem Fenstersims steht. Es sei ihnen gegönnt!
Allerdings frage ich mich beim Anblick solch eines überquellenden Bernsteinglases manchmal, warum wir Menschen dazu neigen, alles im Übermaß besitzen zu wollen. Mehr Geld, mehr Land, mehr Macht, mehr Anerkennung: Wir sind als Spezies unersättlich! Und das viel zu oft auf Kosten unserer Mitmenschen oder der Flora und Fauna, die unser Überleben sichert.
Blind, maßlos und völlig unnötig häufen wir Schätze, Ländereien, Vorräte oder auch Machtpositionen an. Wir verschließen sie in Tresoren, sichern sie durch Zäune, Kameras oder mit Wachen und verteidigen sie verbissen und oft gnadenlos gegen tatsächliche oder vermeintliche Eindringlinge und Neider. Ich nenne es das Dagobert-Duck-Syndrom.
Aber sind wir glücklich mit unseren so gesicherten Schätzen? Im Prinzip geht es uns nicht anders als Onkel Dagobert, der aus Angst vor den Panzerknackern niemanden in seinen Geldspeicher lässt. Dessen einzige Freude an seinem Reichtum darin besteht, sich bei einem Talerbad die Goldstücke auf den Kopf prasseln zu lassen und der doch ohne den Kontakt zu seinem Neffen und Habenichts Donald nicht glücklich ist.
Wir sind schon seltsam, wir Menschen. Auch die Apostel waren lange der Meinung, sich selbst genug zu sein. Lieber nicht in die gefährliche Welt ziehen und den Glauben verkünden. Wer keinen reinlässt, der ist sicher – in seinem selbstgewählten Glaubens-Gefängnis. Dort kann man seinen Glauben hegen, pflegen, vermehren und mit Vertrauten und Gleichgesinnten teilen. Aber Gott wäre nicht Gott, hätte er die Jünger nicht auf den richtigen Weg geführt. Raus aus der Komfortzone und hinaus in die Welt. Ein Glaube, der nur im Geheimen blüht, gleicht einer wundervollen Kunstsammlung, die der Öffentlichkeit von ihrem Besitzer vorenthalten wird, einer Schatzkammer, an deren Pracht sich nur wenige Auserwählte erfreuen dürfen.
Und unser stolzer Besitzer des Bernsteinglases? Der darf gern weitersammeln. Aber vielleicht lässt er den nächsten Bewunderer seiner Sammlung einfach mal tief ins Glas greifen und schenkt ihm einen der Steine. Nicht den kleinen, mickrigen, der eh ein Schandfleck zwischen all den glänzenden Stücken in Kluntjegröße ist, sondern einen richtig ordentlichen Bernstein.
Und die entstandene Lücke im Glas? Die wird durch das Lächeln und die Freude des Beschenkten mit ganz neuem, sehr besonderem Glanz gefüllt. Versprochen!