Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Februar 2023

Mit dem Wind ...     

… gehen die Lichter aus! Kurz nach Weihnachten beginnt alljährlich das kollektive „Lichtersterben“. Den Anfang macht – wahrscheinlich nicht ganz freiwillig – der Weihnachtsbaum, der noch vor Silvester „entschmückt“ wird, um Platz für die Jahresabschlussparty zu schaffen. Weiter geht es dann meist in der zweiten Januarwoche. Nachdem die Stadtbediensteten die Wege und Plätze von den Überresten der Silvesterfeierlichkeiten befreit haben, nehmen sie sich die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen und an öffentlichen Gebäuden vor. Die wird fein säuberlich abgebaut und bis zum nächsten Jahr warm und trocken im Depot eingelagert.
Auch in vielen Kirchen werden Weihnachtsbaum und Krippe schon kurz nach der Ankunft der Heiligen drei Könige am 6. Januar demontiert. Den gekrönten Häuptern bleibt oft nicht einmal die Zeit, ihre Geschenke auszupacken, bevor sie – wenig königlich – wieder für ein Jahr im Karton versenkt werden. Vergessen ist vielerorts der Brauch, die Krippe erst nach Maria Lichtmess am 2. Februar abzubauen und so den drei Weisen aus dem Morgenland nach ihrer langen Reise hin zur Krippe eine kleine Weile der Erholung und Kontemplation zu gönnen.
Aber nicht nur in den Kirchen und im öffentlichen Raum, geht die Umstellung von Weihnachten auf Alltag recht fix. Wenn ich im Januar auf meinem Rad durch die noch morgendunklen Straßen radle, dann kann ich gut mitverfolgen, wie nach und nach die Lichter der Weihnachtsbeleuchtungen verlöschen. Ein erster großer Schwung verschwindet bereits vor dem 1. Januar. Das betrifft vor allem die besonders aufwändig geschmückten „Weihnachtshäuser“, die mit blinkenden Rentierschlitten, schornsteinerklimmenden Weihnachtsmännern und tausenden von Lichterketten bestimmt auch jede Menge Strom verschlingen.
Als nächstes trifft es die Herrnhuter Sterne über den Hauseingängen, bevor es dann den Weihnachtsbaumbeleuchtungen, die den ein oder anderen Tannenbaum im Vorgarten schmücken, an die elektrischen Kerzen geht. Ja, und ganz zum Schluss verlöschen schließlich auch die kleinen Lichterketten oder Schwibbögen aus dem Erzgebirge auf den Fensterbänken der Wohnungen und Häuser. Dann ist er wohl endgültig vorbei, der Lichterglanz der Advents- und Weihnachtszeit.
Irgendwann reicht‘s ja auch mal, werden Sie sagen. Alles hat seine Zeit! Schließlich beginnt im Februar schon die Fastenzeit und dann dauert es nur noch sieben Wochen, bis der Osterhase durch den Vorgarten hoppelt. Der wäre wahrscheinlich ziemlich erstaunt, wenn er dort noch auf Rudolph mit seiner roten Blink-Nase treffen würde.
Aber mal ehrlich: Solange es morgens noch nicht hell, oder abends so früh dunkel ist finde ich es eigentlich schön, wenn mir der ein oder anderen Lichterbogen aus dem Fenster entgegenstrahlt. Auch der Februar verträgt doch eine Zusatzbeleuchtung, die das natürliche Grau dieses Monats ein wenig aufhellt!
In Skandinavien, wo das Winterdunkel sich noch viel länger hält als bei uns, werden die Weihnachtslichter oft erst zu Ostern abgebaut. Hauptsache ein Licht, das die Dunkelheit durchbricht! Nun gut, mag sein, dass das Abbauen der Weihnachtsbeleuchtung im Außenbereich bei Temperaturen im zweistelligen Minusbereich und absoluter Dunkelheit aufgrund der extrem kurzen skandinavischen Wintertage auch keine Freude bereitet. Aus diesem Grund ist es dort in manchen Gegenden gar nicht unüblich, die Beleuchtung einfach das ganze Jahr am Baum zu belassen. Seine Nadeln trägt der ja auch ganzjährig, und unbeleuchtet fällt die Lichterkette im dichten Tannengrün doch gar nicht auf.
Ein Trend übrigens, denn ich zunehmend auch in unseren Gefilden beobachte. Sie glauben mir nicht? Denken, dass im „ordentlichen Deutschland“ so eine Schlamperei nicht vorkommen kann? Schauen Sie einfach mal genau hin. Ich verspreche Ihnen: Sie werden fündig!
Aber ist das wirklich Faulheit? Ich würde es lieber Pragmatismus nennen: Nicht mehr die alljährlich Suche nach der Beleuchtung, der Zeitschaltuhr oder der Verlängerungsschnur. Keine halb erfrorenen Finger verrenkten Gliedmaße und abgeknickten Äste beim Anbringen und der Demontage. Ja und auch kein Zank darüber, dass oder ob die Beleuchtung im letzten Jahr nicht viel besser ausgesehen hat. Einfach Stecker rein und fertig! Da bleibt doch auch viel mehr Zeit für all die wichtigen anderen Vorbereitungen in der Vorweihnachtszeit!
Und wenn die Weihnachtssehnsucht an einem nassgrauen Novemberabend allzu groß wird, wenn ein Tag, vielleicht auch mitten im Hochsommer, mal so richtig mies gelaufen ist  – dann einfach schnell mal den Stecker rein, den Baum zum Leuchten bringen und einen Glanzbooster, einen Hoffnungsschimmer, einen Stimmungsaufheller tanken.
Wenn ich die Weihnachtsbotschaft richtig verstanden habe, dann ist die auch nicht auf 3 Tage im Dezember, eine Woche oder einen Monat im Jahr beschränkt. „Es ist euch der Heiland geboren, Christus der Herr!“ Daran kann man sich gern auch den Rest des Jahres erinnern. Und wenn man dazu eine Weihnachtsbaumbeleuchtung im Garten braucht: Warum nicht? Erlaubt ist, was glücklich macht und hilft.
Zum Schluss mal ausnahmsweise aus dem Nähkästchen geplaudert: Es gab für mich in meiner Jugend nichts Schöneres, als in den Sommerferien bei meiner Oma, die restlichen Weihnachtsplätzchen zu verspeisen, die dort regelmäßig in einer großen Blechkiste auf mich warteten. Sooo lecker! Und ein bisschen Weihnachtsglanz, ein wenig Zimtgeruch, ein Hauch von Weihnachtsfreude tut manchmal einfach gut! Auch mitten im Hochsommer.