Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Januar 2022

Mit dem Wind...      

… auf lösen sie sich viel zu oft einfach in Luft auf – die Namen meiner Mitmenschen. Während meine Frau nie einen Namen vergisst, schwanke ich täglich orientierungslos durch die mich umgebende Namensvielfalt, baue Eselsbrücken, schreibe mir kleine Notizzettel oder versuche mich an anderen, wissenschaftlich erprobten, Merkstrategien. Doch der Erfolg all dieser Maßnahmen ist überschaubar. So passiert es, dass mir selbst bei guten Bekannten oder Freunden der Name partout nicht einfallen will. Peinlich, aber leider nicht zu ändern. Vorlieben, Eigenschaften, die Lebensgeschichte sind kein Problem. Die verbinde ich fest mit der jeweiligen Person, während deren Name auch gern mal während eines Gesprächs diffundiert.

Ist doch vielleicht nicht sooo wichtig, so ein Name? Auch wenn sich werdende Eltern schon seit tausenden von Jahren neun Monate lang fragen, beziehungsweise von ihrer Umgebung intensiv verhört werden: Wie sollen es denn nun heißen? Recht machen können sie es übrigens in der Regel niemandem. Eltern, Verwandte, Freunde und schließlich nicht selten das Kind, das den gewählten Namen ein Leben lang tragen darf, haben häufig ganz andere Vorstellungen. Dabei sind doch alle Namen, der eine mehr, der andere weniger, Duzendware. Die Menschen dahinter allerdings sind einzigartig. Marion oder Max, Franziska oder Matthias – es gibt sie in rauen Mengen, die Namensträger; als Person aber ist jede, ist jeder einmalig.

Bei den inzwischen immer exzentrischeren Mode- und Fantasienamen fällt mir das Merken im Übrigen etwas leichter. Nicht, weil die schön sind oder so gut passen, aber Vornamen wie Claire-Grube, Diva Thin Muffin Pigeen, oder auch Audio Science Clayton, Jo-Ghurt und King-Cobra prägen sich einfach besser ein, als Anna und Lena. Obwohl das auch nur für den ersten Moment zutrifft. Spätestens, wenn die Claire in der nächsten Grube verschwunden oder der King in sein Reich zurückgekehrt ist, sind auch diese Namen nur noch Schall und Rauch.

Heute Morgen bin ich dann noch über ein weiteres Problem auf dem weiten Feld der Onomastik gestolpert. Nachdem mir meine Frau, die immer recht schnell mit allen „per Du“ ist, von einer Martina erzählte, dauerte es wie so häufig mehrere Minuten, bis ich den Namen mit einer Person in Verbindung bringen konnte. Das lag dann in diesem Fall daran, dass wir inzwischen geschätzte 3-5 Martinas kennen. Gefühlt sind es noch deutlich mehr. Manchmal, wenn ich nicht aus der Erzählung auf die Person rückschließen kann, frage ich auch nach: „Ist das die Martina, die …?“, und werde natürlich umgehend ob meiner geistigen Unflexibilität gerüffelt.

Das finde ich ungerecht! Als klassischer „Siezer“ habe ich das Problem mit der Namensschwemme nämlich deutlich seltener. Gut, bei Meier oder Schmidt empfiehlt es sich, ergänzend auf den Vornamen zurückzugreifen, aber ansonsten bin ich mit meinem „Sie“ und dem Nachnamen definitiv eindeutiger unterwegs. Die Nachnamen der Freundinnen meiner Frau kenne ich übrigens nicht. Die wurden mir einfach vorenthalten und ich damit der Möglichkeit beraubt, zumindest versuchsweise eine personelle Zuordnung vorzunehmen. Die Martinas unterscheide ich deshalb ausschließlich aus dem Erzählzusammenhang heraus und das kann dauern. Für meine Frau natürlich immer viel zu lange.

Wie aber kommen die Menschen in Ländern wie Schweden klar, wo sogar der König geduzt wird? Oder Firmen, zu deren moderner Unternehmensstruktur das „Du“ genauso gehört, wie der Kaffeevollautomat im Gemeinschaftsbüro? Ganz einfach: Sie wenden ein erprobtes Verfahren aus vielen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte an und ergänzen den Namen durch eine Berufsbezeichnung oder ein anderes Attribut. Jacob der Klempner oder Markus aus der IT, Britta aus Köln oder Lisa mit dem Pferdeschwanz. Schwierig wird es natürlich, wenn Lisa sich eine neue Frisur zulegt, Britta umzieht oder ein zweiter Markus in der IT auftaucht.

Sie merken schon: Als „Siezer“ hat man es da leichter! Zugegeben: Ich vergesse Nachnamen nur unwesentlich langsamer als Vornamen und das „Du“ hat den Charme, dass mein Gegenüber nie vermuten würde, dass ich seinen Namen gerade mal wieder nicht auf dem Schirm habe. Aber so eine klangvolle Kombination aus Vor- und Zunamen erhöht meine Erinnerungschancen und damit die Trefferquote um satte 100%. Wenn der Vorname – sei das nun Lena, Martina oder Marion – keinen Treffer in meinem überforderten Gehirn erzielt, dann löst vielleicht der Nachname Prysbilla-Ehrmankraut einen, wenn auch nur schwachen Erinnerungsreflex aus. Zwei Namen, zwei Chancen. Man greift nach jedem Strohhalm!

Mir völlig unverständlich ist übrigens, wie der liebe Gott das regelt. Er kennt jeden von uns besser als wir uns selbst und selbstverständlich auch unsere Namen. Wie sollte er sonst die Schutzengel zielgerichtet zu ihrem jeweiligen Einsatzort schicken? „Geh mal zu Herrn Wang, der fällt sonst gleich die Treppe runter!“ Dieser Auftrag würde jeden Schutzengel komplett überfordern, wenn man bedenkt, wie viele Millionen Wangs es allein in China gibt. Gott muss also ein besseres, ein unfehlbares ein fantastisches System entwickelt haben, um knapp 10 Milliarden Menschen unterscheiden zu können, zumal er mit einem nicht unerheblichen Teil von ihnen auch noch regelmäßig tiefsinnige und komplexe Gespräche - genannt Gebete – führt. Ich freue mich jetzt schon darauf zu erfahren, wie er das hinkriegt.

Hier und heute bleibt mir nur festzustellen: Gott ist eben Gott, und wir Menschen geben uns zwar die größte Mühe, göttliches Denken und Handeln zu imitieren, scheitern dabei aber schon regelmäßig bei so lächerlichen Dingen wie der Namensgebung. Denn seien wir mal ehrlich: Wer möchte schon ein Leben lang Claire-Grube, Jo-Ghurt oder King-Cobra heißen? Ich nicht!